AusMag - Australien Informations Magazin

© Philip Bethge

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Mit Stacheldraht, Erbsengift und Virenhilfe versuchen Australiens Naturschützer die einheimische Tierwelt vor eingewanderten Arten zu retten. Die Zeit drängt. Rund ein Viertel aller Säugetierarten Australiens sind in den letzten zweihundert Jahren ausgestorben, ein weiteres Viertel ist stark bedroht.

Die Freizeitbeschäftigungen des Bryan Cane sind seltsamer Art. Mal hilft der Handwerker aus dem westaustralischen Useless Loop dabei, vergiftete Fleischstückchen kiloweise aus einem Flugzeug zu werfen. Dann wieder verteilt er kleine Drahtfallen mit automatisch auslösenden Klapptüren im sandigen Dünenland um seinen Garten. Oder er stopft Löcher in einem 2.6 Kilometer langen Elektrozaun, der seinen eigenen Wohnort mitsamt einer ganzen, zwölf Quadratkilometer großen Halbinsel vom australischen Kontinent abtrennt.

"Ich habe das Gefühl, daß diese Dinge getan werden müssen", sagt Cane und weiß dabei nicht nur die australischen Forschungsorganisation CSIRO (Commonwealth Scientific and Research Organisation) sondern auch seine gesamte Nachbarschaft hinter sich.

Denn was Cane und mit ihm viele Useless Looper seit einigen Jahren nach Feierabend vereint, ist die Sorge um kleine Tiere mit großen Ohren und Nasen. Sie heißen Burrowing Bettong, Western Barred Bandicoot und Shark Bay Mouse, gehören zu den gefährdetsten Säugetieren Australiens und galten bis vor kurzem auf dem australischen Festland als ausgestorben.

Doch hier auf der salzverkrusteten Heirisson Prong Halbinsel an der westaustralischen Shark Bay haben einige Dutzend von ihnen eine neue Heimat gefunden. Und der Zaun, die Fallen und die Giftköder, die regelmäßig aus der Luft abgeworfen werden, sind Teil eines symbolischen Sieges australischer Forscher im Kampf gegen einen schier übermächtigen Feind: die aus Europa eingeschleppten Arten.

Vor allem Fuchs und Katze, Anfang des Jahrhunderts nach Australien importiert, gelten als Terroristen im australischen Busch und räumen schon seit Jahrzehnten unter den einheimischen Tieren gründlich auf. Das Übrige erledigen nahezu 300 Millionen Kaninchen, 24 Millionen Rinder und 120 Millionen Schafe und Ziegen, die allein durch ihre Anwesenheit den Lebensraum vieler Beuteltiere und mit ihm ganze, auf der Welt einzigartige Ökosysteme für immer zerstören. Die Bilanz nach 200 Jahren Kolonialisierung: 18 der australischen Beuteltierarten sind der europäischen Übermacht inzwischen zum Opfer gefallen. Weitere 26 Arten existieren teilweise nur noch auf winzigen Inseln vor der Küste, sind extrem selten und drohen ebenfalls auszusterben.

"Australien hält weltweit den Rekord in der Ausrottung einheimischer Säugetiere", sagt Harry Recher, Präsident des australischen National Biodiversity Council. "Fast jede Art, jede Population einheimischer Tiere und Pflanzen ist in diesem Land dezimiert - die meisten um mehr als 90 Prozent."

Um zu retten was noch zu retten ist, haben Australiens Forscher in den letzten Jahren die Flucht nach vorne angetreten. Mit Stacheldraht, Gift und Virenhilfe versuchen sie wie kaum jemals zuvor das große Artensterben aufzuhalten.

Einer der Pioniere der Forschung am gebeutelten Tier ist der CSIRO-Zoologe Jeff Short, der schon Anfang der 90er Jahre eben jenes Projekt auf der Heirisson Prong Halbinsel an Australiens Westküste auf den Weg brachte, das heute als Musterbeispiel für gelungenen Artenschutz in Australien gilt.

Damals war die Einsicht noch jung, daß Fuchs und Katze die Hauptverantwortlichen für das beispiellose Massensterben von Wallaby und Co. seien. Auch Heirisson Prong hatten die fremden Räuber fest im Griff. Kaum ein Beuteltier habe er damals zu Gesicht bekommen, berichtet Short. Doch dann begann das Aufräumen. Mit Hilfe der Useless Looper errichtete der Zoologe den Elektrozaun, der seither den Räubern den Zugang auf die Halbinsel verwehrt. Füchse und Katzen im Projektgebiet wurden eingefangen, vergiftet oder abgeschossen. Und schon 1992 holte der Zoologe die ersten Burrowing Bettongs von Dorre und Bernier Island hinüber nach Heirisson Prong.

Nur auf den beiden kleinen, der Küste vorgelagerten Inseln hatten sich die Bettongs bis dato halten können. Jetzt päppelte Short zunächst einige der hamstergroßen, känguruhartigen Tiere in Gefangenschaft auf und entließ schließlich achtzehn von ihnen in die umzäunte Freiheit um Useless Loop. Innerhalb von vier Monaten waren sie alle tot. Ein Fuchs hatte den Elektrozaun überwunden und ganze Arbeit geleistet.

Der nächste Anlauf, die Tiere anzusiedeln, verlief indes erfolgreicher. Mittlerweile ist die Population der Bettongs mit mehr als 100 Exemplaren auf der Halbinsel stabil. Vor vier Jahren brachte Short auch die nur 45 Gramm schwere Shark Bay Mouse, ebenfalls bis dato nur noch auf Dorre und Bernier Island heimisch, nach Heirisson Prong. Ende 1995 folgten schließlich die Western Barred Bandicoots, rund 200 Gramm schwere Fellbüschel mit spitzen Nasen und gewaltigen Ohren die schon seit 1929 nicht mehr auf dem australischen Festland gesehen wurden.

Bis heute verbraucht die Kampagne die Energie von drei CSIRO Wissenschaftlern und zahlreichen "Earthwatch"-Freiwilligen aus aller Welt, die viel Geld zahlen für das zweifelhafte Privileg, in einfachster Unterkunft zu hausen und nächtens im Schein von Bergarbeiterlampen geifernden und um sich tretenden Bettongs die Körperlänge abzunehmen. Hochentwickelte Radiotelemetrie-Ausrüstung und Wagenladungen voller Fallen sind nötig, um den Lebensraum der knapp 150 Tier zu sichern.

Doch der Erfolg gibt Short Recht. Und so ließen auch die Nachahmer nicht lange auf sich warten. In direkter Nachbarschaft zu Heirisson Prong hob 1995 die westaustralische Naturschutzbehörde CALM (Department of Conservation and Land Managment) das Projekt "Eden" aus der Taufe. Die Peron-Halbinsel, mit 1050 Quadratkilometern fast 100 Mal größer als Heirisson Prong und Australiens größte Halbinsel, ist seither Schauplatz des derzeit wohl ehrgeizigsten Projektes australischer Forscher zur Rettung der einheimischen Tierwelt.

"Wir wollen die ursprüngliche Artenvielfalt auf Peron wiederherstellen", sagt Projektleiter Ray Smith, der im Fischerörtchen Denham auf der Halbinsel sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Bis zur Jahrtausendwende will der Zoologe dreizehn bedrohten einheimischen Arten auf Peron paradiesische Zustände bescheren. Ein 3.4 Kilometer Hochsicherheitszaun trennt die Halbinsel mittlerweile vom Festland ab und hält Räuber und Kaninchen auf Abstand. 20.000 Schafe haben Smith und eine Heerschar freiwilliger Helfer von der Halbinsel entfernt, rund 2500 Füchse sowie Hunderte von Katzen sind getötet worden.

Der Erfolg blieb auch hier nicht aus. Die ersten Woylies, Bettongs mit gelb-gräulichem Fell, hüpfen seit September letzten Jahres durch regeneriertes Buschland. Einige Exemplare des bodenbrütenden Thermometerhuhns sind angesiedelt worden. Bald sollen der termitenfressende Numbat und das Rufous-Hare Wallaby folgen. "Wir haben lange nicht begriffen, welche fatalen Auswirkungen die eingeschleppten Räuber auf unsere Tiere haben", sagt Smith. "Doch langsam lernen wir, Füchse und Katzen wirkungsvoll zu kontrollieren."

Die Methoden, mit denen die Forscher der europäischen Übermacht zu Leibe rücken, sind von ausgeklügelter Natur. So wird den Füchsen beispielsweise das Gift einer in Australien heimischen Erbse zum Verhängnis. "1080" - so der Name des Extraktes aus Erbsen der Gattung Gastrolobium - wirkt auf europäische Tiere tödlich. Australische Wildtiere hingegen sind gegen das Gift der einheimischen Pflanze im Laufe der Evolution immun geworden.

Mit dem Giftstoff getränkte Fleischköder sind eine durchschlagende Waffe gegen die Fuchsplage und werden mittlerweile im ganzen Land flächendeckend eingesetzt. Rund 700.000 Köder wirft alleine die CALM in Westaustralien jährlich per Flugzeug über dem Land ab. Rund 3.5 Millionen Hektar sollen so langfristig von Füchsen befreit werden.

Größere Probleme bereiten den Forscher die verwilderten Katzen, die im Gegensatz zu Füchsen frische Beute bevorzugen und daher schwerer zu ködern sind. "Katzen finden in Australiens trockenem Klima ideale Lebensbedingungen", sagt CALM-Forscher Smith: "Viele australische Tiere sind ihnen absolut hilflos ausgeliefert." Mit herkömmlichen Fallen, speziell auf Katzengeschmack abgestimmten Giftködern und sogenannten "chirper", batteriebetriebenen Geräte, die Katzengeräusche vortäuschen, gelang es den Forschern inzwischen allerdings, auch die Katzen um bis zu 80 Prozent zu reduzieren.

Neue Methoden der biologischen Kriegsführung sollen den Feldzug gegen Fuchs und Katze indes in Zukunft noch beschleungien. Weltweit einer der Vorreiter in der Biotechnologie, überrascht Australien gerade in den letzten Monaten mit immer neuen Ideen, den Zuwanderern das Leben so schwer wie möglich zu machen. So hat etwa der CSIRO-Forscher Peter Bird erst kürzlich einen Köder für Füchse vorgestellt, der offenbar unwiderstehlich für die Tiere ist, gleichzeitig jedoch einen Impfstoff enthält, der die Räuber auf höchst effektive Weise sterilisiert. "Wir beeinflussen das Immunsystem der Tiere derart, daß es die körpereigenen Eizellen und Spermien als Fremdzellen erkennt und vernichtet", erläutert Bird den todsicheren Weg in die Unfruchtbarkeit.

Noch trickreicher wollen Forscher in Canberra vorgehen, denen es kürzlich gelang, bei Labormäusen mit Hilfe eines manipulierten Virus Schwangerschaften zu verhindern. Die VVIC (Viral-Vectored Immunocontraception) genannte Methode könnte in Zukunft auch gegen Füchse und Katzen eingesetzt werden. Ein modifizierter Virus, der sich unter den Tieren wie eine Krankheit ausbreitet, soll den Räubern die Fortpflanzung vergällen.

Die Folgen solchen Biokampfes sind indes umstritten und kaum vorhersagbar. So stößt etwa die Methode, mit der die Australier ihrer Kaninchenplage zu Leibe rücken, weltweit zunehmend auf Kritik. Bereits 1950 erklärten australische Wissenschaftler den Kaninchen, 1859 nach Australien eingeschleppt, den Kampf. Der Myxoma-Virus wurde importiert und raffte in nur wenigen Monaten die Hälfte der australischen Nager dahin.

Mittlerweile jedoch sind viele der Tiere resistent gegen die Seuche geworden. Immer noch tummeln sich rund 300 Millionen der Tiere auf dem fünften Kontinent, verdrängen einheimische Arten wie etwa das langohrige Bilbie und verursachen derzeit landwirtschaftliche Schäden von jährlich rund 600 Millionen Australdollar. Anfang der 90er Jahre begannen australische Forscher daher, auf der südaustralischen Insel Wardang Island einen neue Waffe gegen die Übermacht zu erproben: den Kaninchen-Calicivirus.

Erst eine Panne machte die potentielle Wirkungskraft des neuen Killers deutlich. Vermutlich an Bord einer Buschfliege überwand der Virus im Oktober 1995 den doppelten Sicherheitszaun eines Quarantänegeländes auf Wardang Island, erreichte kurz darauf das Festland und entfaltete sein ganzes zerstörerisches Potential. Rund 95 Prozent der Nager in der nahegelegenen Flinders Range starben innerhalb weniger Wochen. Kaum mehr als ein Strang Erbmaterial, durcheilte der Virus dann den australischen Süden und brachte in nur zwei Monaten rund 30 Millionen Kaninchen den Tod.

Was nach kurzer Schrecksekunde zunächst als Erfolg im Kampf gegen die Kaninchenplage gefeiert wurde, gerät inzwischen zunehmend in die Kritik. International anerkannte Experten wie etwa der Amerikaner David Matson halten das Freilandexperiment für "unkontrollierbar und unvorhersagbar". Denn weder ist bis heute zweifelsfrei geklärt, wo der Virus entstanden ist und wie er übertragen wird, noch ob er in der Lage ist, auch andere Tierarten oder gar den Menschen zu befallen.

Zudem bleibt die Wirkung des Killers, der im Oktober 1996 schließlich auch offiziell an rund 400 Stellen in ganz Australien freigesetzt wurde, bislang hinter den Erwartungen zurück. Noch hat sich die Zahl der Kaninchen in etwa der Hälfte der verseuchten Gebiete kaum verringert. Besonders in den feuchteren Küstenregionen läßt das Sterben auf sich warten.

Auch an der westaustralischen Küste blieb die Wirkung des Virus auf die unerwünschten Nager aus. Ray Smith wie auch CSIRO-Forscher Jeff Short setzen ihre Hoffnungen daher jetzt wieder auf die Myxomatose und auf ihrer eigenen Hände Arbeit. Sie zerstören die Baue der Nager und haben die Schutzzäune nach leidvollen Erfahrungen mittlerweile tief in den Boden eingelassen, damit die Kaninchen sich nicht unter ihnen hindurchwühlen können.

In Zukunft hoffen die Forscher, mit den an der Shark Bay gewonnenen Erfahrungen Tieren wie Mala, Bettong oder Bandicoot dauerhaft das Überleben sichern zu können. "Natürlich träumen wir davon, dies hier großflächig zu machen", sagt Short und plädiert für "mindestends ein Dutzend Gebiete", in denen die kleinen Beuteltiere neuen, geschützten Lebensraum finden sollen. "Wir müssen die Populationen der Tiere stabilisieren", erklärt Short, "anderenfalls werden wir sie für immer verlieren."

Wie steinig der Weg ist, zeigt sich indes noch an jedem frühen Morgen, an dem die Unermüdlichen von Heirisson Prong wieder den langen Marsch um ihre Halbinsel antreten. Im Schein der Taschenlampen tauchen sie dann doch immer wieder auf, die Kaninchen, Katzen und Füchse, die den australischen Tieren das Leben zur Hölle machen.

Doch manches Mal saust inzwischen auch ein spitzschnauziges Bandicoot in gestrecktem Galopp durchs stachelige Unterholz. Dann huscht ein Lächeln über das Gesicht des Useless Loopers Bryan Cane, der vor gut zehn Jahren als einer der ersten Konsequenzen aus dem Artentod vor der eigenen Haustür zog. "Ich bin persönlich stolz darauf, daß ich von Anfang an ein Teil dieses Projektes war", sagt er und rückt die grüne Baseballkappe auf dem kantigen Schädel zurecht. "Und ich freue mich schon auf den Tag, an dem wir den Zaun abreißen können."

Philip Bethge





© Der Spiegel 42/1999

JÄGER DES VERLORENEN GENS

Weltweit fahnden Forscher nach dem Erbgut ausgestorbener Arten: Sie wollen Mammute, Riesenvögel und Beutelwölfe als Klone neu erschaffen. Sinn und Machbarkeit der zweiten Schöpfung sind umstritten.

Die Nomaden vom Stamm der Dolganen konnten ihr Glück kaum fassen. Ein gewaltiger Stoßzahn ragte aus dem Permafrostboden der sibirischen Halbinsel Taimyr hervor. Ein zweiter lag im eisigen Grund daneben begraben. Steife Haarbüschel lugten hervor. Der Umriss eines riesigen Tieres war zu erahnen.

Geschäftstüchtig luden die Hirten die wertvollen Zähne auf ihre Schlitten. Nur der Zufall wollte es, dass sie bald darauf dem Franzosen Bernard Buigues über den Weg liefen. Am Elfenbein bekundete der zwar kaum Interesse ­ am toten Körper im Eis dafür umso mehr.

Buigues ist Mammutforscher aus Passion. Zwei Jahre ist es her, dass die sibirischen Nomaden den französischen Abenteurer zum tiefgefrorenen Urzeit-Rüssler führten. Heute ist die Totenruhe des Zotteltieres ernsthaft in Gefahr. Ein ganzes Expeditionsteam gräbt seit einigen Wochen den wolligen Zweitonner aus dem Permafrostboden. Der Grund: Das Tier ist eines der besterhaltenen Mammut-Exemplare der Welt.

"Wir haben eine hundertprozentige Chance, intakte Teile des Tieres zu finden", glaubt Buigues. Kopf und Rüssel des Kolosses seien zwar zerstört. Der Rest des Körpers samt Wollfell befinde sich jedoch in erfreulichem Zustand. "Sogar die inneren Organe und der Mageninhalt könnten gut konserviert sein", sagt der Franzose.

Damit weckt der im Alter von 47 Jahren verstorbene Dickhäuter eine phantastisch anmutende Hoffnung. Denn Buigues und seine Kollegen wollen das Mammut klonen. Im Inneren des sibirischen Eises, so glauben die Forscher, ruht der genetische Bauplan, der dem längst ausgestorbenen Rüsseltier eine neue Zukunft bescheren könnte.

Ist es der schiere Schöpferwahn, oder lockt hier die Faszination des Machbaren? Sicher ist: Nicht nur das Mammut ist in die Fänge der Biotechniker geraten. Weltweit fabulieren Wissenschaftler davon, die Tierwelt um längst ausgestorbene Arten zu bereichern. Sie schaben Gewebestücke von ausgestopften Zoologie-Raritäten ab, pulverisieren Knochenreste oder sammeln Bernstein, der einst als Harz glücklose Insekten umfloss und dann erhärtete. Die Beute: winzige Stückchen alter DNS, derjenigen Erbsubstanz, die einst das Leben der ausgestorbenen Arten kodierte. Neu zusammengesetzt soll sie längst verblichenen Kreaturen zur Wiedergeburt verhelfen.

Vorreiterin der zweiten Schöpfung ist Diana Hill von der University of Otago. Gleich zwei Tiere aus ihrer Heimat Neuseeland hat die Biologin für die Auferstehung vorgemerkt: den vor rund 300 Jahren ausgestorbenen Riesenlaufvogel Moa und den Huia, einen Waldvogel, der Anfang des Jahrhunderts zuletzt gesichtet wurde.

Zur Gendetektivin wurde Hill, als sie vor drei Jahren nach der Ursache für den Riesenwuchs des Moas fahndete. Im Labor zerschredderte die Forscherin einige Knochen des bis zu 3,60 Meter großen Vogels und konnte schon beim ersten Versuch die Wachstumsgene des Tieres aus dem Gewebebrei isolieren. "Wir waren sehr überrascht, wie einfach das war", erinnert sich die Biologin. Warum sollte es nicht möglich sein, auch die anderen Moa-Gene zu bergen? Die Idee, das gesamte Erbgut des Vogels zu isolieren, war geboren.

An Rohmaterial für die Neuschöpfung mangelt es nicht. Von einer "enormen Anzahl von Knochen" sowie "Eiern mit Embryos darin" weiß die Forscherin zu berichten. Hunderte der Riesenvögel seien zudem einst im neuseeländischen Sumpfland versunken und harrten dort wohl konserviert ihrer Entdeckung. Auch vom Huia vermutet die Forscherin noch "dutzende" ausgestopfter Exemplare weltweit.

"Es liegt in der Natur des Menschen, zu versuchen, was zunächst unmöglich erscheint", glaubt Hill. "Die Techniken, um diese Tiere zu klonen, sind heute verfügbar oder werden derzeit entwickelt."

Schon seit einigen Jahren sind Wissenschaftler in der Lage, einzelne DNS-Bruchstücke aus totem Material zu gewinnen. Forscher der University of California in Berkeley bargen schon 1984 Erbmaterial aus einer 140 Jahre alten Haut des Quaggas, eines ehemals im südlichen Afrika heimischen Vetters des Zebras. Der amerikanische Mikrobiologe Raúl Cano will gar 25 Millionen Jahre altes Erbgut aus in Bernstein eingeschlossenen Bienen isoliert haben. Und auch Gletschergänger "Ötzi" war ein Fall für die Sequenzjäger: Anhand von Gewebeproben aus der Hüfte des Steinzeitwanderers konnte dessen mitteleuropäische Herkunft nachgewiesen werden.

Stark umstritten ist in der Genforscher-Zunft indes, ob es jemals möglich sein wird, aus DNS-Bruchstücken das vollständige Erbgut eines längst verblichenen Lebewesens zusammenzusetzen. Nach heutigem Kenntnisstand sind mehrere Methoden der Neuschöpfung vorstellbar (siehe Grafik Seite 308). Ob das Ergebnis dem ausgestorbenen Tier ähnelt oder einer Chimäre, die nur einige seiner Eigenschaften trägt, hängt vom Zustand der isolierten DNS ab. Skeptiker halten es allerdings für unwahrscheinlich, jemals genug intaktes Erbmaterial zu finden. Ein ausgestorbenes Tier klonen zu wollen sei "absoluter Unsinn", sagt etwa Alan Cooper von der englischen Oxford-Universität.

Cooper weiß, wovon er spricht. Denn er selbst versucht, im Erbgut eines ausgestorbenen Tieres zu lesen. Mit kriminalistischem Ehrgeiz untersucht der Zoologe die Überreste des Dodos, eines einst auf Mauritius heimischen, flugunfähigen Vogels.

Mühsam isolierte Erbgut-Schnipsel verrieten dem Forscher immerhin, dass der Dodo mit Taubenarten aus Neuguinea verwandt ist. Den ganzen Vogel eines Tages wiederzubeleben, hält Cooper allerdings für ausgeschlossen: "Die Gene ausgestorbener Tiere kodieren nichts, was wir kennen. Sie haben Funktionen, über die wir kaum etwas wissen."

Auch George Poinar, Insektenforscher an der Oregon State University und graue Eminenz der Paläogenetik, glaubt nicht an --- S.308 den Zukunftszoo der Klone. Poinar hat fast sein ganzes Forscherleben versucht, Millionen Jahre alte DNS aus Bernsteineinschlüssen zu isolieren. Zwar erlauben ihm die in Bernstein gegossenen Insekten und Pflanzen tiefe Einblicke in untergegangene Lebenswelten. Die DNS der Kreaturen jedoch sei "in den meisten Proben extrem beschädigt".

Schier unmöglich erscheint es dem Zoologen, die Erbgut-Schnipsel wieder in die richtige Abfolge zu sortieren. Selbst aus gut erhaltenem Material könnten nur DNS-Fragmente mit einer Länge von wenigen hundert Basenpaaren isoliert werden, sagt Poinar. Das gesamte Erbgut eines Säugetieres jedoch enthalte Milliarden dieser biochemischen Bausteine.

Die Propheten der Wiederauferstehung argumentieren mit der schieren Macht der Zahlen. Weil ein einziger Knochen eines ausgestorbenen Tieres Millionen potenziell funktionsfähige Kopien der Erbmasse enthalten könne, sei es wahrscheinlich, irgendwann brauchbares Material zu finden. Zwar glauben inzwischen auch die Optimisten unter den Jägern des verlorenen Gens nicht mehr daran, das Erbgut eines Tyrannosaurus rex isolieren zu können. Bei in jüngerer Zeit ausgestorbenen Arten, so die Argumentation, könne jedoch der eine oder andere fragile Erbgutstrang der chemischen Zersetzung durch Wasser und Sauerstoff widerstanden haben.

Für Furore sorgt gegenwärtig der Inhalt eines Glaszylinders im Keller des Australian Museum in Sydney. In ihm dümpelt ein junger Tasmanischer Tiger in Alkohol, der schon vor über 130 Jahren sein Leben lassen musste. Schrumpelig ist seine Haut und fahl. Die Vorderbeine linkisch angehockt, kauert das Beuteltier im Glas. Doch sein Gewebe ist noch gut erhalten und speist die Hoffnung auf eine neue Zukunft für den längst ausgestorbenen Räuber.

"Wir wollen den Beutelwolf zurück in die Welt holen", sagt Mike Archer, der Leiter des Museums. "Wir haben eine moralische Verpflichtung", mahnt der Biologe. "Schließlich waren es Menschen, die das Tier ausgerottet haben."

Genjägern aus aller Welt will Archer Stückchen seines Zebrahundes anbieten. Um unauffindbare DNS-Sequenzen des Tieres zu ergänzen, will der Wissenschaftler das Erbgut des verwandten Tasmanischen Teufels als "Vorlage" heranziehen.

Schon träumt der Zoologe davon, den einst in ganz Australien heimischen Räuber "als Haustier" zu halten oder auf dem australischen Festland anzusiedeln. "Dieses Projekt ist in seiner Bedeutung mit der ersten Mondlandung vergleichbar", verkündet Archer. "Es ist keine Frage, ob, sondern wann wir den Tasmanischen Tiger klonen."

Werden bald neben Pythons und Schimpansen also auch Säbelzahntiger und Riesenfaultiere die Zoos der Erde bevölkern? Nicht nur die Machbarkeit ist umstritten. Kritiker werfen auch die Frage auf, warum denn die Welt wieder einen Beutelwolf oder ein Mammut brauche. "Wir sollten unsere Energien lieber auf den Erhalt der akut vom Aussterben bedrohten Arten konzentrieren", sagt der britische Paläontologe Adrian Lister. Dodo-Forscher Cooper hält den Elan der Genenthusiasten sogar für gefährlich: "Wer den Menschen erzählt, dass ausgestorbene Tiere geklont werden könnten, vermindert ihren Einsatz für heute noch lebende Arten."

Die neuzeitlichen Mammutjäger um den Franzosen Buigues haben im eisigen Sibirien für derlei Zweifel keinen Sinn. In dauerhaftem Schneegestöber hat das Team in den letzten Wochen einen Graben rund um das eingefrorene Rüsseltier gehackt. Im Laufe der nächsten Woche, so hoffen die Forscher, wird das Mammut, eingeschlossen in einen 26 Tonnen schweren Eisblock, per Hubschrauber ins 380 Kilometer entfernte Chatanga schweben. Dort will das Team den wolligen Dickhäuter dann bei minus 15 Grad in einer Höhle einlagern. Über Jahre soll diese als Mammut-Labor dienen, in dem interessierte Forscher aus aller Welt "mit dem Föhn" (Buigues) Gewebe des Urzeit-Elefanten auftauen können.

Gelingt es den Wissenschaftlern tatsächlich, aus dem vor rund 20 000 Jahren verstorbenen Bullen gut erhaltene DNS oder sogar vollständige Spermien zu isolieren, soll das Mammut-Erbgut in die Eizelle eines Asiatischen Elefanten eingeschleust werden. Eine Dickhäuter-Leihmutter, so der Schöpfungsplan, könnte dann dem Urzeit-Rüssler auf die Welt helfen.

"Wirklich toll ist, dass bei diesem Versuch kein Mischwesen, sondern möglicherweise sogar ein echtes Mammut entstehen könnte", sagt Larry Agenbroad, Expeditionsteilnehmer und Mammut-Experte an der Northern Arizona University in Flagstaff. "Ich glaube nicht, dass die Elefantenkuh den Unterschied bemerken würde", so der Forscher. "Allerdings wundert sie sich vielleicht, warum ihr Junges so haarig ist."

Philip Bethge





© natur & kosmos 7/1999

MENSCHENRECHTE FÜR AFFEN

Wissenschaftler fordern Menschenrechte für Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas und Bonobos. Müssen wir den Umgang mit unseren nächsten Verwandten im Tierreich überdenken?

Sam könnte heute mal wieder vor Übermut nur so platzen. Eben erst ist er seinem Vater auf dem Bauch herumgesprungen, der gerade genüßlich in der Sonne döste. Jetzt schleicht er sich an Mutter Bebe heran und gibt ihr einen kräftigen Schubs von hinten. Bebe hat jedoch Klein-Alexis an ihre haarige Brust gepreßt und daher keine Zeit für halbstarke Affen. Und überhaupt steht sie über den Dingen. Bebe ist die Chefin. Wenn eine was zu sagen hat in der 15köpfigen Schimpansenschar im Zoo der neuseeländischen Hauptstadt Wellington, dann ist es Bebe.

Am langen Arm läßt sie den kleinen Sam zappeln, bis der lieber Bruder Boyd mit einem Stock bearbeitet. Und die ganze Affenbande brüllt. "Das hier ist wie Seifenoper im Fernsehen", sagt Graeme Strachan, der die Schimpansen-Großfamilie am anderen Ende der Welt betreut. "Diese Tiere haben eine ausge- klügelte Sozialstruktur und einen faszinierenden Sinn für Gemein- schaft", so der Zoowärter. "In Sachen Politik sind sie uns unglaublich ähnlich."

Nicht nur das: Seit kurzem sind die neuseeländischen Schimpansen selbst ein Politikum. Denn Bebe und ihr Clan sind auf dem besten Weg, als erste Affen der Welt mit Rechten ausgestattet zu werden, die bislang den Menschen vorbehalten waren. Auf Initiative einer Gruppe von 38 Naturwissenschaftlern, Juristen und Philosophen hat das neuseeländische Parlament Mitte Mai bei der Überarbeitung des Tierschutzgesetzes den Menschenaffen eine Sonderstellung eingeräumt. So dürfen unsere haarigen Vettern in Neu- seeland nicht mehr für Experimente benutzt werden, die nicht ihrem eigenen Wohlergehen dienen.

Weitere Gesetze sollen folgen. "Wir wollen Vorbild sein und hoffen, daß andere Länder ähnliche Bestimmungen erlassen", sagt der neuseeländische Biologe David Penny, Wortführer der Gruppe, die dem Parlament Ende letzten Jahres den Gesetzesentwurf vorgelegt hatte. Nach dem Teilerfolg hofft Penny auf weitere Entscheidungen, die die rechtliche Lage der Affen stärken werden.

"Die Intelligenz von Menschenaffen ist mit der von vierjährigen Kindern vergleichbar", begründet der Biologe den Vorstoß. "Wir brauchen neue Gesetze, um dieser Tatsache endlich Rechnung zu tragen." Penny und seine Mitstreiter sind Teil einer weltweiten Bewegung, die bereits seit 1993 versucht, Menschenaffen mehr Rechte zu verschaffen.

Das "Great Ape"- Projekt, unterstützt etwa von der Schimpansenforscherin Jane Goodall, dem britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins und dem australischen Bioethiker Peter Singer, fordert Menschenrechte für die großen Menschenaffen. In konsequenter darwinistischer Tradition wollen die Tierschützer die Artgrenze zwischen Mensch und Affe endgültig einreißen und Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans sowie die erst 1929 entdeckten Bonobos gleichsam eingemeinden. Die Affen sollen das Recht auf Leben und individuelle Freiheit erhalten.

Folter und Experimente mit den Tieren sowie deren Haltung in Zoos sollen verboten werden. Schließlich hoffen die Tierschützer auf eine UN-Deklaration, die die Rechte der Menschenaffen weltweit festschreibt. "Wir fordern, daß die Gemeinschaft der Gleichen um die großen Menschenaffen erweitert wird", sagt der Australier Peter Singer. "Es wird Zeit, daß wir die Rechte derer anerkennen, die uns am nächsten sind", so der Philosoph, der 1975 mit dem Buch "Befreiung der Tiere" die Tierrechtsbewegung gleichsam begründete.

Die Frage, die der derzeitigen Diskussion zugrundeliegt und Forscher weltweit neu umtreibt, ist so alt wie Darwins Konzept der Evolution: Wieviel Affe ist denn nun der Mensch? Besser: Wieviel Mensch ist der Affe? Die alten Philosophen waren sich noch einig: Fleischliche Automaten sah etwa René Descartes in allen Tieren. Für Immanuel Kant waren sie vom Menschen "durch Rang und Würde ganz unterschiedene Wesen", mit denen man "nach Belieben schalten und walten kann".

Doch heute? Gerade in den letzten Jahren haben sich Schimpanse und Co. als dem Menschen verwirrend ähnlich entpuppt. Besonders die Molekularbiologie liefert präzise Argumente gegen die Sonderstellung des Menschen als Krönung der Schöpfung. Noch vor fünf Millionen Jahren, so steht inzwischen fest, durchstreifte der gemeinsame Vorfahr von Homo sapiens und Pan troglodytes Afrikas Weiten.

Die Erbinformation von Mensch und Schimpanse unterscheidet sich um ganze 1,6 Prozent. Mit dem Gorilla stimmt der Mensch in 97,7 Prozent der DNS überein. Viele Biologen sind daher überzeugt, daß Schimpansen künftig ohne viel Federlesens der Menschengattung Homo zugerechnet werden müssen.

Die zotteligen Wesen beherrschen in der Tat einige Tugenden und Untugenden der Menschen. Sie führen, wie Affenkundlerin Goodall in Afrika beobachten konnte, blutige Vernichtungskriege gegen fremde Stämme, sie terrorisieren schwache Artgenossen, gehen planmäßig auf Jagd und lernen in Gefangenschaft Taubstummensprache. Und sie gelten als kulturfähig, da sie einmal erlernte Kenntnisse wie den Gebrauch von Werkzeug an die nächste Generation weitergeben.

Als Jane Goodall dies entdeckte, meinte der berühmte Anthropologe Louis Leakey: "Jetzt müssen wir entweder Werkzeug oder Mensch neu definieren, oder wir akzeptieren, daß Schimpansen Menschen sind." Eines der besten Beispiele für die Intelligenz unserer haarigen Verwandtschaft ist das Gorilla-Weibchen Koko, Versuchsäffin der Gorilla-Foundation im kalifornischen Woodside.

Über 1000 Zeichen soll Koko nach Aussage ihrer Trainerin Francine Patterson in den 28 Jahren ihres Lebens bislang gelernt haben. So erzählt Koko beispielsweise per Handzeichen über ihren Lieblingsfilm ("Free Willy"). Gekonnt verlangt sie nach ihrem liebsten Spielzeug ("Gummialligator") oder erklärt, was Gorillas am liebsten tun ("Gorillas lieben essen gut"). Inzwischen soll das 125 Kilogramm schwere Tier sogar mehr als 50 "Wörter" selbst erfunden haben. Ein Feuerzeug beschreibt es etwa als "Flaschen-Zündholz", ein Zebra wird zum "Weißen Tiger".

Andere Menschenaffen, etwa die Schimpansin Sheba an der Ohio State University, können sogar zählen und einfache Rechenaufgaben lösen. Vor allem aber sind Menschenaffen wie keine anderen Tiere in der Lage, Gefühle zu zeigen. Sie freuen sich über Nachwuchs, sind traurig und ängstlich bei Gefahr, können einsam und depressiv oder egoistisch und stolz daherkommen.

Experimente zeigen, daß Schimpansen ihr Spiegelbild als sich selbst erkennen können und möglicherweise sogar in der Lage sind, die Persönlichkeit und Meinung von Artgenossen von ihrer eigenen zu unterscheiden. "Menschenaffen haben ein sehr reiches Gefühlsleben", sagt Peter Singer. "Was kann es für Gründe geben, ihnen fundamentale Menschenrechte zu verweigern?"

Selbstbewußtsein, Zukunftserwartungen und eigene Interessen sind für den Bioethiker Singer Voraussetzungen für die Würde einer Person und das Recht auf Leben - alles Eigenschaften, die nach Singers Ansicht auch Menschenaffen eigen sind. Da sei es nur konsequent, ihnen die gleichen Rechte einzu- räumen, sagt der Tierschützer. Den derzeitigen Status der Menschenaffen vergleicht Singer mit dem von Sklaven. Wer gegen Rassismus und Sexismus kämpfe, argumentiert der Wissenschaftler, müsse auch gegen den "Speziesismus", die Diskriminierung anderer Arten, eintreten.

Die Gefangennahme von Menschenaffen also Freiheitsberaubung? Ihr Transport und Verkauf Sklavenhandel? Zugegeben: Wer schon einmal in die Augen eines Schimpansen geblickt hat, wird kaum mehr nur vom wilden Tier reden wollen. Doch heißt das wirklich, daß Affen fast Menschen sind?

Was ist es, das dem Menschen die Möglichkeit gibt, Romane zu schreiben, Bomben zu bauen und Gedichte auswendig zu lernen, während Affen eben doch im Dschungel leben, Bäume besteigen und Termiten mit Stöckchen aus ihren Nestern fingern? Die Kritiker des "Great Ape"- Projektes glauben, daß zum Menschsein mehr gehört als menschenähnliches Verhalten. "Menschenrechte werden nicht aufgrund von Intelligenzleistungen vergeben", sagt etwa der Essener Philosoph und Psychologe Matthias Kettner. "Sie haben vor allem auch eine moralische Seite."

Wer moralische Rechte bekommen wolle, müsse zu unserer Moralgemeinschaft gehören und selbst in der Lage sein, moralisch zu handeln, argumentiert Kettner. Affen hätten diese Fähigkeit jedoch nicht. Man müsse schon "ziemlich blind" sein, um ihr Verhalten so zu deuten, sagt der Forscher vom Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen. Zwar tritt auch Kettner für Tierrechte ein.

Menschenrechte jedoch habe "per Definition" allein der Mensch. "Man kann ein Lebewesen nicht dadurch diskriminieren, daß man ihm etwas vorenthält, was es naturgemäß gar nicht haben kann", sagt Kettner. Wer versuche, Affen in die menschliche Solidargemeinschaft einzubeziehen, laufe Gefahr, das ohnehin dünne Band der Solidarität in der Gesellschaft weiter zu schwächen.

"Moral ist eine beschränkte Ressource", sagt er. "Hier wird am falschen Ort investiert." Probleme bereitet vielen Kritikern des "Great Ape"-Projektes auch die radikale Ethik Peter Singers. Der australische Philosoph und Eutha- nasie-Befürworter von der Monash-Universität in Melbourne gilt vielen in Deutschland als Kinderkiller.

Seine Thesen erhalten ihre Schärfe dadurch, daß er die "Heiligkeit des menschlichen Lebens" nicht als allgemeinen Grundsatz akzeptiert. Der Philosoph glaubt, daß Handlungen dann moralisch richtig sind, wenn sie "im besten Interesse aller Beteiligten" sind. Das "beste Interesse" eines schwerstbehinderten Kindes mit schlechter Zukunfts- prognose könne in einigen Fällen auch sein, es mit Einwilligung der Eltern zu töten. Gleichzeitig kann nach Singer ein Recht auf Leben einzig "personales Leben" beanspruchen, Leben, das Grundkriterien wie Bewußtsein, eigene Interessen und Zukunfts- erwartungen besitzt. Menschenaffen, glaubt Singer, haben diese Eigenschaften.

Folglich müsse man ihr Leben schützen. Embryonen und geistig Schwerbehinderte dagegen hätten aus ethischer Sicht kein Lebensrecht. "Wenn wir Schimpansen bestimmte Rechte verwehren, sollten wir diese Rechte logischerweise auch geistig behinderten Kindern verweigern", folgert der Wissenschaftler. Derartiger Pragmatismus im Umgang mit dem Leben verschreckt selbst Forscher, die sich seit Jahrzehnten um das Wohl der Menschenaffen verdient gemacht haben.

"Ein schrecklicher Vergleich", sagt Frans de Waal, Buchautor ("Der gute Affe") und weltbekannter Affenforscher am Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta. De Waal hat in jahrelanger Arbeit verblüffende Parallelen zwischen menschlichem und äffischem Verhalten aufgezeigt. In seinen Büchern berichtet er über die faszinierenden sozialen Strukturen der Menschenaffen und ihr oft selbstloses, also scheinbar moralisches Verhalten gegenüber Artgenossen. Dennoch hält er die Forderung nach Menschenrechten für Affen für überzogen.

"Ich verstehe nicht, warum Ähnlichkeit mit dem Menschen mehr Rechte für ein Tier bedingen sollte", sagt de Waal. Menschliche Moral müsse den Menschen in den Mittelpunkt stellen, glaubt er, andern-falls drohe sie zu zerfallen. "Wenn wir nur ein Bett im Krankenhaus frei haben - wem wollen wir es denn geben? Einem Menschen oder einem Affen?" fragt der Wissenschaftler. Zudem bedeute die Einbeziehung von Tieren in das menschliche Moralsystem in letzter Konsequenz den Eingriff in die natürlichen Abläufe. Wer Schimpansen und Gorillas Menschenrechte gebe, müsse sie letztendlich auch anderen Affen und schließlich sogar Ratten zugestehen.

"Was machen wir dann aber zum Beispiel mit dem Löwen, der die Antilope frißt?" fragt der Forscher. "Sollen wir ihn etwa vor Gericht stellen?" Ob wir jedem Schimpansen nun demnächst einen Menschenrechtsbeauftragten zur Seite stellen müssen oder nicht - einig sind sich fast alle Experten zumindest in einem Punkt: In Sachen Schutz der Menschenaffen besteht dringender Handlungsbedarf. Als "ungeheuerlich" bezeichnet es etwa der amerikanische Affen- forscher Roger Fouts, daß die hochsensiblen Tiere beispielsweise in den USA immer noch lebenslang in Käfigen gehalten werden dürfen, die kaum größer sind als eine Telefon-zelle.

Auch werden weltweit derzeit noch rund 1600 Menschenaffen für medizinische Forschung benutzt, um neue Medikamente oder Impfstoffe zu testen. Gerade wegen der Ähnlichkeit der Affen mit uns Menschen gelten diese Experimente vielen Forschern als vielversprechend. Einer wachsenden Schar von Wissen-schaftlern sind sie jedoch suspekt. Vor drei Jahren wurde beispielsweise der Versuchsaffe Jerome vom Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta als erster Schimpanse der Welt erfolgreich mit einem HIV-Virus angesteckt.

Die Forscher jubelten und wähnten sich auf dem Weg zu einem neuen Aids-Impfstoff. Nach öffentlichen Protesten hat das Forschungsinstitut die Versuche inzwischen jedoch wieder eingestellt. "Es gibt keine sinnvollen medizinischen Experimente mit Primaten", sagt Roger Fouts, der seit über 30 Jahren an der Universität von Central Washington die Kommunikation von Schimpansen untersucht. Die meisten biomedizinischen Entdeckungen seien, wie in der Aids-Forschung, ohnehin durch Studien am Menschen gemacht worden.

Am meisten sorgen sich die Tierschützer allerdings um das Schicksal der Affen in ihrem natürlichen Lebensraum. Nur noch rund 350000 Menschenaffen steht auf diesem Planeten eine Armada von sechs Milliarden Menschen gegenüber. Wir Überaffen sind es, die den Regenwald systematisch abholzen und so den Lebensraum der schutzlosen Verwandtschaft zerstören.

Weil Menschen Menschenaffen essen, enden zusätzlich Tausende der Tiere als "Buschfleisch" auf den Märkten Afrikas. Die Folge: Einige Arten der behaarten Verwandtschaft stehen kurz vor der Ausrottung. Nur noch etwa 650 der durch die Arbeit Diane Fosseys und den Film "Gorillas im Nebel" berühmt gewordenen Berg- gorillas leben in der Wildnis um die Virunga-Vulkane in Zentralafrika. Die Zahl der Orang-Utans, die inzwischen nur noch auf Sumatra und Borneo heimisch sind, ist auf rund 20000 gesunken. Weniger als 10000 Bonobos - kleine, den Schimpansen ähnliche Tiere, die innerartliche Aggression durch hohe Sexfrequenz ersetzt haben - leben in den Regenwäldern Zaires. Gerade die Forderung des "Great Ape"-Projektes nach Freiheit für die Menschenaffen gilt daher vielen Experten als naiv.

"Wir haben keine Garantie, daß die Tiere die nächsten Jahrzehnte in der Wildnis überleben", räumt David Penny ein. Auf Artikel zwei der "Deklaration über die großen Menschenaffen", der den Schutz der individuellen Freiheit für die Affen garantieren soll, will er deshalb zunächst verzichten.

Philip Bethge





SCHWERELOSER KILLER

In den tropischen Gewässern des Pazifik lebt eine Qualle, die an den Stränden Australiens, Indonesiens und der Phillippinen mehr Angst und Schrecken verbreitet, als Haie und Krokodile zusammen. Chironex fleckeri gilt als eines der giftigsten Lebewesen der Erde, tötet schneller als eine Kobra und besteht doch hauptsächlich nur aus Wasser.

Sieben Uhr morgens, Mud Crab Creek, Barron River, Queensland, Australien. Wer eine Qualle fangen will, muß früh aufstehen. "Um diese Zeit ist das Wasser am ruhigsten. Da kommen die Tiere an die Oberfläche", sagt Matthew Gordon, noch müde und unrasiert, und steuert das Boot langsam den schmalen Strom hinauf. Von beiden Seiten senden krüppelige Mangroven ihre Wurzeln in das trübe Wasser. Rote Mud Crabs rennen auf staksigen Krustentierbeinen durch den Schlamm.

Hinten auf dem Schwimmer des Schlauchbootes sitzt der Zoologe Jamie Seymour und hält ein kleines Schleppnetz in die braune Flut. Nach etwa einhundert Metern Fahrt holt der Forscher das Netz ein, siebt den Inhalt in ein Einmachglas und hält es gegen die Sonne. "Das könnte eine sein", sagt er dann und zeigt auf ein daumennagelgroßes Gallertewesen, das zwischen Minikrebschen und Larvengetier hin und her pulsiert. "Eine Würfelqualle, Jungstadium natürlich", sagt Seymour - genau das, wonach die Biologen suchen.

Denn hier, im Mangrovensumpf der Ostküste Australiens, sind die Forscher einem Lebewesen auf der Spur, das wie kein zweites im tropischen Australien die Menschen gleichzeitig fasziniert und zu Tode ängstigt. Chironex fleckeri, die "mordende Hand", ist selbst ausgewachsen kaum mehr als ein Sack voll Wasser und gilt doch als eines der giftigsten Lebewesen der Welt.

In den letzten einhundert Jahren hat das Tier, der systematischen Ordnung der Cubozoa zugehörig, allein in Australien mindestens 67 Menschenleben gefordert. 20000 leichtere Unfälle mit Chironex oder artverwandten Würfelquallen registrieren australische "Surf Life Saving Clubs" jährlich. Von den Phillippinen, aus Malaysia und Papua Neu Guinea werden heute noch 20 bis 50 Todesfälle pro Jahr gemeldet.

"Chironex hat eines der stärksten Gifte entwickelt, die es im Tierreich gibt", sagt Peter Fenner, "Marine Stinger Officer" des "Surf Life Saving Clubs" in Townsville. Fenner ist Experte in Sachen Quallentod. In einer weltweit einzigartigen Datenbank hat der praktizierende Arzt seit 1984 rund 1100 schwere oder tödliche Fälle der fatalen Begegnung Würfelqualle Mensch gesammelt. Jüngstes Beispiel: Erst Ende vergangenen Jahres starb ein 18monatiger Junge an der Küste Queensland an Verbrennungen durch das Gift von Chironex. Nur 1.5 Meter der Tentakeln des Tieres hätten ausgereicht, um das Kind zu töten, berichtet Fenner.

"Das Gift einer ausgewachsenen Qualle kann selbst einen Erwachsenen in fünf Minuten töten", so der Quallenexperte. Nur ein kleines Tentakelstück reiche aus, um "absolut qualvolle Schmerzen" hervorzurufen.

Bis zu 60 jeweils drei Meter lange Tentakel kann eine ausgewachsene Würfelqualle tragen. In dichten Büscheln hängen sie von den vier Ecken des quadratisch gebauten Quallenkörpers herab. Schon zehn Meter der tödlichen Fracht sind nach den Erfahrungen von Experten genug, um einem Erwachsenen das Leben zu nehmen. Während das Gift vieler Schlangen und Spinnen Nerven und Muskeln paralysiert, wirkt der Giftstoff der Würfelqualle vor allem auf das Herz der Opfer. "Aus bislang unbekannten Gründen verliert das Herz seinen Rhythmus", sagt Fenner. "Ist genug Gift injiziert, hört es einfach auf zu schlagen."

So wurden die tödlichen Unfälle an Australiens Traumstränden lange Jahre auf schwache Herzzustände oder extrem allergische Reaktionen der Opfer zurückgeführt. Dann wieder wollten Augenzeugen mal einen mysteriösen "Electric eel", mal ein "sea monster" in der Nähe der Unfallorte gesichtet haben. Und auch andere Quallen wie die auch im Atlantik heimische Portugiesische Galeere Physalia mußten als Killer herhalten. Erst Anfang der 40er Jahre sorgte schließlich das Protokoll eines Augenzeugen, der einen Chironex-Unfall aus nächster Nähe miterlebte, für größere Klarheit.

"Direkt nach Eintritt ins Wasser, nahe des Strandes, wurde der Patient an der rechten Hüfte und am Unterarm verbrannt", so der Bericht, aufgezeichnet von Frank McNeill, einem ehemaligen Mitarbeiter des zoologischen Museums in Sydney. "Der Schmerz war entsetzlich. Während dem Patienten aus dem Wasser geholfen wurde, klagte er über starke Krämpfe im Rücken. Am Strand kollabierte er. Der Tod trat innerhalb von drei Minuten ein. Der ganze Körper verfärbte sich dunkelblau, die Pupillen namen eine unregelmäßige, ovale Form an."

Ein Jahr später konnte schließlich ein Armeearzt das tödliche Quallentier erstmals aus der Nähe inspizieren. An einem Strand in der Nähe von Cairns beobachtet Ronald Southcott 1943 eine Landeübung australischer Soldaten, die bald von Brennen auf der Haut und roten Striemen am Körper berichteten. Im flachen Wasser entdeckte der Arzt kurz darauf eine würfelförmige Qualle, die er kurzerhand mit einem Netz einfing. Southcott testete die Wirkung des Giftes, indem er sich ein Tentakelstück auf den Arm legte, und fertigte anschließend eine Zeichnung des Tieres an.

Erst zwölf Jahre später sollte der Arzt das geisterhafte Wesen erneut zu Gesicht bekommen. Ein Freund Southcotts, der Radiologe Hugo Flecker, schickte dem Experten 1955 eine in Formalin eingelegte Qualle zur Begutachtung, nachdem ein fünf Jahre alter Junge in Queensland gestorben war. Southcott erkannte in dem Tier die einst skizzierte Qualle wieder und gab ihr den bis heute gültigen wissenschaftlichen Namen Chironex fleckeri, ersteres griechisch-lateinisch für die "mordende Hand", letzteres Tribut an Freund Flecker. Das Interesse der Forschung an der Würfelqualle war geweckt.

Townsville, Queensland, Australien. In einem weiten Bogen spannt sich die Uferpromenade "The Strand" von einem Ende der Cleveland Bay zum anderen. Am nördlichen Ende der Bucht hat die Stadtverwaltung ein Salzwasserschwimmbecken in den Fels eingelassen. Zahllose Badende tummeln sich im Pool. Kinder springen schreiend in das Nass, versuchen, der schwülen Hitze der Regenzeit im kaum kühlenden Pazifikwasser zu entkommen.

Kaum einhundert Meter von hier entfernt, hinter der Felsbarriere zum Pazifik, hat der Meeresbiologe Robert Hartwick vor gut 20 Jahren seine erste Würfelqualle gefangen. "Wir sind nachts mit Eimern angerückt und haben die Quallen im Licht der Laternen auf der Pier lebend aus dem Wasser gefischt", erinnert sich der Wissenschaftler.

Hartwick ist einer der Pioniere der Forschung an Chironex fleckeri. Ihm ist es etwa zu verdanken, daß der Lebenszyklus der Würfelqualle vollkommen entschlüsselt werden konnte. Denn noch bis Ende der 70er Jahre war selbst die Herkunft des giftigen Gallertewesen vollkommen ungeklärt. "Viele Forscher haben vermutet, daß das Tier weit draußen auf dem Meer entsteht", erinnert sich Hartwick. "Erstaunlich war vor allem, daß die Quallen regelmäßig im Sommer auftauchten, im Winter jedoch wie vom Erdboden verschluckt waren."

Um das Rätsel zu lösen, fing Hartwick ausgewachsene Exemplare der Qualle, die, gestresst durch den Fang, zur Freude des Forschers prompt ihre Eier und Spermien in die Fangbehälter entließen. Hartwick isolierte die Keimzellen und kippte sie in der Hoffnung auf künstliche Befruchtung im Labor zusammen. Tatsächlich fanden sich nach einigen Tagen zahlreiche Planula-Larven, winzige Quallenjungstadien mit einem feinen Saum kleiner Wimpern, in den Plastikeimern des Forschers, die sich bald zu fingerhutförmigen, mit einem feinen Kranz aus Tentakeln besetzten Polypen weiterentwickelten, dem zweiten Entwicklungsstadium der Tiere.

Tausende von Steinen, Mangrovenwurzeln und Muschelschalen nahm Hartwick in den kommenden Jahren unter die Lupe, um die nunmehr enttarnten Quallen-Teenager auch in freier Widlbahn dingfest zu machen. "Nach fünfjähriger, fruchtloser Suche haben wir die Polypen in einem kleinen Tidengewässer nördlich von Townsville gefunden", erinnert sich der Forscher. Damit war der Lebenszyklus der Qualle entschlüsselt.

Ausgewachsen bis zu 30 Zentimeter groß sammelt sich Chironex im Spätsommer in den Flußmündungen und Tidenzonen der Küste, entläßt ihre Keimzellen ins Wasser und stirbt. Die Larven schwimmen zum Meeresboden und setzen sich im Herbst als Polypen auf der Unterseite von Steinen fest. Im Frühjahr findet dann die eigentliche wundersame Metamorphose der Tiere statt. In nur wenigen Tagen lösen sich die Polypen aus ihrer Verankerung und verwandeln sich in freischwebende, fingernagelgroße Medusen, die kurz vor der Regenzeit seewärts wandern und über den Sommer zu geschlechtsreifen Tieren heranwachsen.

Auf der Jagd nach kleinen Krebsen und Fischen schwimmen die geisterhaften Wesen dann zwischen November und April knapp unter der Wasseroberfläche genau vor den Stränden auf und ab, die auch für Menschen so attraktiv sind. Zu gut 95 Prozent aus Wasser bestehend, ist Chironex fast vollkommen durchsichtig und im Meer kaum auszumachen. An allen vier Ecken des Körpers mit hochentwickelten Augen ausgerüstet, können die Tiere auch in Küstennähe sicher navigieren. Durch regelmäßige Kontraktion der gelatinösen Schwimmglocke treiben sie sich schwerelosen Tänzer gleich mit bis zu fünf Knoten Geschwindigkeit durchs Wasser, im Schlepp ein Netz dünner, fast unsichtbarer Tentakel.

Feinde haben die Gelatinewesen dabei kaum. Allein einige Meeresschildkröten sehen in den Würfelquallen offenbar ein gefundenes Fressen. Weil das Verdauungssystem der Schildkröten, die auch Glasschwämme ohne Schaden verspeisen können, mit einer extrem widerstandsfähigen Schuztschicht ausgekleidet ist, kann das Gift der Qualle ihnen nichts anhaben.

Vollkommen hilflos indes sind Krebse oder kleine Fische den Waffen von Chironex ausgeliefert. Berühren sie die gläsernen Tentakel des Tieres, reagiert die Würfelqualle mit kriegerischer Präzision. "Kleinen Harpunen gleich", so Quallenforscher Hartwick, schießen winzige Nesselfäden mit 140000 facher Erdbeschleunigung aus den förmlich explodierenden Nesselkapseln heraus und bohren sich in das Opfer. Widerhaken halten die Beute fest. Das Gift wirkt in Sekunden und verhindert, daß die schnellen Fluchtbewegungen etwa einer Krabbe die filigrane Qualle in Stücke reißt.

Allein die Begegnung mit dem Menschen überlebt die Qualle nicht. Doch noch im Sterben entlädt sie ihre Giftfracht auch durch Menschenhaut mit voller Wucht, ein Umstand, der den Pazifik jährlich neu von Dezember bis Mai zur verbotenen Zone macht.

Wie ausgestorben wirken dann die sonnenuberfluteten Strände der queensländischen Traumküste. Große Schilder warnen vor der unsichtbaren Gefahr im Wasser. Engmaschige Netze, sogenannte "Stinger Enclosures" liegen im Halbkreis vor vielen Stränden aus, um die Quallen fern zu halten. Kanister mit Essig stehen bereit, der im Ernstfall großzügig über die verbrannten Hautpartien verteilt werden soll. In Sekunden deaktiviert die schwache Säure die Nesselzellen auf den Tentakeln, die häufig am Opfer kleben bleiben und ihre Giftfracht noch im nachhinein entladen können. Für ernste Fälle steht seit wenigen Jahren ein Gegengift bereit, das die Wirkung des Quallenkampfstoffes aufhebt.

Ungeklärt bleibt indes bislang, ob die Wanderbewegungen der Quallen entlang der Küste bestimmten Regeln folgen, deren Kenntnis das Strandleben im tropischen Australien zukünftig sicherer machen könnten. Jamie Seymour und Matthew Gordon aus Cairns wollen daher in den nächsten fünf bis sechs Jahren ein Computermodell erarbeiten, das anhand von Jahreszeit, Wassertemperatur, Wind und Gezeitenlage voraussagen soll, wann und wo Chironex demnächst auftauchen wird.

Es ist März geworden an der australischen Pazifikküste. Über 3000 Würfelquallen, unter ihnen zahlreiche Chironex, haben die beiden Forscher in diesem Jahr aus dem Meer gefischt. Sie haben die Tiere vermessen, Fundort und -zeit akribisch notiert und die Art der Quallen genauestens bestimmt.

Für diese "Stinger Season" sind die beiden Zoologen heute zum letzten Mal an die Mangrovenküste der Cape York Halbinsel gekommen. Die Wissenschaftler tragen grellbunt. Dünne "Stinger Suits", hautenge Polyesteranzüge, die für die Nesselfäden der Quallen undurchlässig sind, schützen sie vor der Gefahr im Wasser.

Parallel zum Strand ziehen Seymour und Gordon ein beidseits an langen Holzstangen befestigtes, engmaschiges Fangnetz durch den seichten Pazifik. Noch vollkommen leer erscheint das Maschenwerk nach einhundert Metern Schleppgang. Doch als die Forscher das Netz schließlich an den Strand ziehen, bleibt Gallertiges hängen. Da liegt sie dann, Chironex fleckeri, die "mordende Hand", kaum mehr als Wasser und gleichzeitig eines der giftigsten Lebewesen der Erde, brennend gefährlich und doch verwirrend schön.

"Dieses Tier fasziniert jeden, der mit ihm zu tun hat", sagt Gordon während er den gläsernen Körper vorsichtig aus den engen Maschen befreit. "Eines ist sicher. Wir werden das Meer auch in Zukunft mit ihm teilen müssen."

Philip Bethge





PLANETEN-JÄGER AUF DER PIRSCH

Weltweit sind Wissenschaftler auf der Suche nach neuen Erden. Zu den erfolgreichsten Planeten-Jägern gehören die Astrologen des Mt Stromlo-Observatoriums in Australien.

(vgl. auch SPIEGEL-Titel 22/99 - Oasen des Lebens im All)

Wir schreiben das Jahr 1998. Unendliche Weiten. Logbuch Raumschiff Erde, 5. Juli, 0 Uhr: Der Astronomiestudent Chris Fragile versieht routinemäßig seine 13-Stunden-Nachtschicht im Kontrollraum des 1.9-Meter-Teleskops der Sternwarte Mount Stromlo im australischen Canberra.

Kurz nach Mitternacht justiert Fragile das Fernrohr auf den Stern mit der Nummer 305.36746.2411 im Zentrum unserer Galaxie. Er schiebt einen Rotfilter vor die Linse und startet das Computerprogramm zum Auslösen der Digitalkamera. Für vier Minuten öffnet sich die Blende, der ferne Himmelskörper hinterläßt seine Spur auf der extrem lichtempfindlichen Oberfläche des Videochips.

Knapp 10 Fotos schießt Fragile in den kommenden Stunden. Noch weiß der Student nicht, was genau er fotografiert. Erst später wird sich herausstellen, daß das australische Teleskop zwischen Mitternacht und Morgen des 5. Juli gleichsam den Fingerabdruck einer Zwillingsschwester unseres Planeten einfängt.

Für wenige Minuten nur, so wird die Bilderfolge den Astronomen enthüllen, nimmt der Himmelskörper aus dem Sternbild des Schützen in dieser Nacht um Nuancen an Helligkeit zu. Das Ereignis, später mit dem kryptischen Namen MACHO-98-BLG-35 versehen, hat ein internationales Forscherkonsortium kürzlich nach Auswertung aller vorliegenden Daten als Sensation interpretiert.

"Es ist sehr gut möglich, daß wir zum ersten Mal einen erdähnlichen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems gefunden haben", faßt Bruce Peterson, Forscher am Mount Stromlo Observatorium, die Ergebnisse zusammen. "Die Lage des Planeten zu seiner Sonne und die wahrscheinliche Oberflächentemperatur könnten sogar die Entstehung von Leben ermöglicht haben."

Wird ein Menschheitstraum wahr? Gibt es doch Anzeichen von Leben im All? Sind wir - erst kürzlich enttäuscht vom staubtrockenen Mars - doch nicht alleine im Universum?

Weltweit begeben sich Planetenjäger derzeit auf die Pirsch nach neuen Himmelskörpern außerhalb unseres eigenen Sonnensystems. Moderne Superteleskope mit bis zu 10 Meter großen Primärspiegeln etwa in Hawaii oder Chile sehen immer weiter in die Tiefen unserer Galaxie hinein. Mit Hilfe von Radioteleskopen und der geballten Rechenkraft des Internet versuchen Forscher derzeit sogar, Radionachrichten außerirdischer Disc-Jockeys aus dem Universum aufzufangen.

Das Mount Stromlo Observatorium nahe Canberra in Australiens Südosten spielt bei der extraterrestrischen Fahndungsarbeit eine besondere Rolle. Es beherbergt eine der größten Planetensuchmaschinerien der Welt. Routinemäßig scannen Forscher hier die wahrhaft astronomische Zahl von rund einer Million Sternen pro Nacht.

Spielt das Wetter über dem 760 Meter hohen Mount Stromlo mit, sammelt das zweitgrößte Teleskop des Observatoriums bereits seit 1992 allnächtlich 60 hochauflösende Fotos des Sternenhimmels über der irdischen Südhalbkugel. Für jeden einzelnen der Sterne, von denen die meisten mit bloßem Auge selbst durch das Teleskop nicht zu erkennen sind, bestimmt ein Computer die Helligkeit. Über Jahre sind so Serien von Helligkeitswerten für einen Großteil der Sterne in der Milchstraße entstanden, die den Forschern tiefe Einblicke in unsere Galaxie erlauben.

Astronom Bruce Peterson ist Herr über die Datenflut. Sein Büro hat der 57jährige in einem Neubau direkt gegenüber des weltbekannten, schon 1924 gegründeten Observatoriums knapp 10 Kilometer außerhalb der australischen Hauptstadt Canberra. Mit ein paar Tastenbefehlen läßt der Forscher das Negativ einer Sternkarte auf dem Bildschirm seines Computers auftauchen. "Hier in der Mitte", sagt Peterson und zeigt auf einen winzigen gräulichen Punkt auf der Fotografie, der im Heer der Sterne auf dem Bild zu versinken scheint: "Das ist er."

Kaum mehr als ein Fliegendreck auf der Mattscheibe, hat der kleine Leuchtpunkt - eben jener Stern Nummer 305.36746.2411 - den Wissenschaftlern jetzt die Existenz eines neuen Planeten enthüllt. Das Erstaunliche: Der neue Planet selbst, sogar seine vermutliche Sonne, sind auf dem Foto nicht zu sehen. Sie verraten sich erst durch das Aufleuchten des sogenannten Hintergrundsterns, den die Forscher beobachten.

Zieht zwischen diesem hellen Stern und der Erde ein massereicher Himmelskörper - in diesem Fall der neue Planet mit seiner Sonne - hindurch, wird durch die Anziehungskraft das Licht des Hintergrundsterns auf charakteristische Weise gebündelt. Der unsichtbare Himmelskörper fungiert gleichsam als Linse für den dahinterliegenden, hellen Stern.

Die sogenannte Gravitationslinsen-Methode erlaubt es Forschern, dunkle Materie in den Weiten des Alls aufzuspüren, die für herkömmliche Teleskope bislang unsichtbar blieb. Etwa 45 derartige Ereignisse beobachtet Bruce Peterson auf Mount Stromlo pro Jahr. In einem Bruchteil der Fälle geht den Forschern mit dem unsichtbaren Himmelskörper auch ein zugehöriger Planet ins Netz, der sich nur durch eine winzige Zacke in der Lichtmeßkurve verrät.

So auch Mitte vergangenen Jahres: Schon Ende Juni hatte Peterson Hintergrundstern Nummer 305.36746.2411 als möglichen Kandidaten für die Planetenjagd ausgemacht. Die Helligkeit des Himmelskörpers nahm langsam zu. Per Internet ging ein Alarmruf um die Welt. Zusätzliche Teleskope in der südlichen Hemispäre wurden auf die Sternenkoordinaten 18-17-16.2 Länge und 22-01-18 Breite justiert. Dann hatten die Forscher das Ereignis im Kasten.

Rund 25000 Lichtjahre von der Erde entfernt, so die kürzlich auf einer Tagung im texanischen Austin vorgestellte Analyse der Wissenschaftler, kreist ein Planet um eine Sonne, der unserer Erde wie eine Zwillingsschwester gleichen könnte. "Ich stelle mir etwas zwischen Erde und Neptun vor", sagt Peterson. "Die Bedingungen sind möglicherweise ähnlich wie bei uns. Daß dort Leben entstanden ist, ist nicht auszuschließen."

Vor allem begeisterte die 60köpfige Planetenjägerschar in Austin, daß die interstellare Fahndung überhaupt zum Erfolg führte. "Die Chance, mit unserer Methode einen Planeten zu finden, steht eins zu einer Million", sagt etwa Sun Hong Rhie, Astronomin an der Universität Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana und wie Peterson Mitglied des internationalen Wissenschaftlerzirkels MPS (Microlensing Planet Search). Der jetzige Erfolg könne nur heißen, daß Planeten viel häufiger seien, als bislang angenommen.

Statistisch gesehen werde damit auch außerirdisches Leben wahrscheinlich, so die Sternenforscherin weiter. "Es gibt keinen Grund, warum Lebensformen nicht auch auf anderen Planeten in unserer Galaxie existieren sollten", sagt Hong Rhie, "wo die Temperatur des Planeten flüssiges Wasser erlaubt, kann auch Leben sein."

Die Suche nach neuen Welten, die um ferne Sonnen kreisen, ist eine relativ neue Disziplin der Astronomen. Erst im Herbst 1995 ging ihnen der erste Trabant in die Falle. Die Himmelsforscher entdeckten, daß der Stern 51 Pegasi von einem jupiterähnlichen Planeten umkreist wird. Seither haben Astronomen 17 weitere Planeten ausmachen können, die sich allerdings alle als extrem lebensfeindliche, riesige Gasblasen in direkter Nachbarschaft ihrer Sonnen entpuppten.

Erst die Methode der Gravitationslinse erlaubt es jetzt, auch Planeten von so geringer Masse wie die Erde im Weltall zu orten. Die Ergebnisse der Forschung sind indes noch umstritten, der Aufwand ist immens. Sternstunden der Astronomie sind nur nach jahrelanger Nachtarbeit in kalten, zugigen Teleskopbauten zu erwarten. Daß die Wissenschaftler bei bescheidenem Budget überhaupt Sinnvolles aus den Sternen lesen, ist häufig nur einer Heerschar Freiwilliger zu verdanken, die Dienst am Teleskop schieben.

Wird etwa Bruce Peterson vom Mount Stromlo Observatorium in Canberra auf einen bestimmten Stern aufmerksam, ruft er den Computerfachmann Brian Crook zu Hilfe, enthusiastisches Mitglieder der "Canberra Astronomical Society". Crook, Sternenfan seit Kindertagen, verbringt trotz Ehefrau ("die versteht, wie wichtig das hier alles ist") und eigenem 8-Stunden-Job zwei bis drei Nächte pro Woche in der Kuppel des kleinsten Observatoriums der Sternwarte und knipst die ihm von Peterson aufgetragenen Bilder.

"Entsetzlich langweilig", kommentiert der 50jährige, "Wer feiern will, ist hier definitiv falsch". Saukalt und einsam sei es in vielen Nächten in der offenen Teleskopkuppel, berichtet Crook. Noch nicht einmal etwas lesen könne man, weil schon das Licht einer Leselampe die empfindliche Optik störe.

Daß Crook trotzdem kommt, liegt wohl an der magischen Kraft der Sterne. "In einer guten Nacht machen wir dreißig Bilder", begeistert sich der Hobby-Astronom, jongliert Zahlen und Statistiken und freut sich über die Chance, ein großes Teleskop benutzen und "echte Daten" für die Forschung sammeln zu können.

Der Nutzen für die Wissenschaftler ist immens. Mit Hilfe seiner Amateure und Studenten konnte etwa Bruce Peterson in den letzten acht Jahren schon fünf Mal Hinweise auf mögliche erdähnliche Planeten im Himmel über Australien einfangen. Viermal mußte der Forscher die Daten als zu ungenau verwerfen. Einmal führte die Sternenguckerei zur Sensationsmeldung dieses Jahres.

Auch diesmal räumen die Forscher jedoch ein, daß die beobachteten Helligkeitsschwankungen nicht viel größer sind, als die ohnehin anfallende Meßungenauigkeit. "Das Signal war nicht sehr stark", sagt Peterson. Das Ereignis werde sich zudem nicht wiederholen. "Wir werden nie wieder eine Spur dieses Planeten sehen", so der Forscher. Genaueres über die neue Welt herauszufinden, sei mit der heutigen Technik unmöglich.

Ob die Wissenschaftler eines Tages auf ihrer Suche nach erdähnlichen Planeten oder außerirdischen Lebensspuren fündig werden, steht daher noch in den Sternen. Und selbst wenn, werden die fremden Welten wohl auf ewig nur als Lichtpunkte auf den Fotografien der Astronomen existieren.

"Die Entfernungen zwischen den Sternen sind so groß, daß ich heute keinen praktikablen physikalischen Ansatz sehe, wie wir sie jemals überbrücken könnten", sagt Bruce Peterson aus Australien.

"Ich kann keinen praktischen Nutzen darin sehen, daß wir von anderen Planeten erfahren", so der Forscher. "Aber es wäre schön zu wissen, daß wir nicht alleine sind."

Philip Bethge





© Der Spiegel 16/1999

GRIFF AUS ZWEITER HAND

Vor sieben Monaten nähten Chirurgen dem Neuseeläner Clint Hallam die Hand eines Toten an. Inzwischen spielt er wieder Basketball. Trotzdem ist die Operation umstritten. Zudem ahnten die Ärzte nicht, daß ihr Patient ein polizeilich gesuchter Betrüger ist.

(nicht redigierter Originaltext)

In Clint Hallams neuem Leben fangen alle Tage gleich an: Mit einem Blick nach unten. "Jeden Morgen sehe ich als erstes meine Hand an", sagt der 48jährige. "Es gibt nicht genug Worte um dankbar zu sein."

Was Hallam sieht, ist die Hand eines Toten. Noch wirkt die Gliedmaße wie ein Fremdkörper am Arm des Mannes. Etwa 15 Zentimeter unter dem rechten Ellenbogen geht der gebräunte, haarige Unterarm Hallams in den rosigeren, fast puppenhaft wirkenden neuen Körperteil über. Dort, wo die beiden Hautmassen zusammentreffen, wölbt sich oben auf dem Arm eine kleine, beutelartige Verwachsung. Auf der zarter wirkenden Unterseite zeichnet sich ein etwa zehn Zentimeter langes, leicht bräunliches Muttermal ab.

Clint Hallam ist der erste Mensch der Welt, der eine fremde Hand sein eigen nennt. Sechs Monate ist es her, daß dem gebürtigen Neuseeländer in einer bahnbrechenden Operation im französischen Lyon die Hand eines Toten an den Armstumpf genäht wurde.

Nach einer Odyssee durch England und Amerika, während derer die neue Hand schon fast als verloren galt, ist Hallam jetzt zurück bei seiner Frau und seinen vier Kindern im westaustralischen Perth. Seine Geschichte ist die Geschichte einer medizinischen Sensation, einer ehrgeizigen, internationalen Chirurgenschar und eines Mannes, der über 14 Jahre lang einen Traum hatte. "Ich habe immer daran geglaubt, daß ich meine Hand zurückbekommen würde", sagt Hallam. "Mir ist ein neues Leben geschenkt worden."

Die Geschichte, die Clint Hallam schließlich über Nacht berühmt machen soll, beginnt 1984. Eine Kreissäge trennt dem damals 33-jährigen die rechte Hand und ein guter Teil des Unterarms ab. Obwohl Ärzte die Gliedmaße gleich wieder annähen, kehrt das Gefühl nie zurück. Der Unterarm hängt bewegungslos am Körper des Mannes.

Erst nach vier Jahren nehmen die Ärzte Hallam das für ihn nutzlose Organ wieder ab. Der Mann, ehemals begeisterter Klavierspieler und Motorradfahrer, ist verzweifelt. Gleichzeitig kennt er nur noch ein Ziel: Eine neue Hand.

"Clint Hallam hat sich immer unvollständig gefühlt", sagt der australische Mikrochirurg Earl Owen, späterer Arzt Hallams. "Er war fixiert auf seinen Arm. Ich habe selten einen derart zielgerichteten Menschen erlebt."

Owen, Mikrochirurg von Weltruf und bereits seit 1970 mit dem Annähen von Körperteilen beschäftigt, trifft Hallam zum ersten Mal im Oktober 1996. Der Arzt ist beeindruckt von der Sensibilität und dem Mut des Verstümmelten und nimmt ihn als möglichen Kandidaten für eine Handtransplantation in Behandlung.

Der Patient absolviert psychologisches Trainining, das ihm helfen soll, die Fremdhand später als seine eigene zu akzeptieren. Er studiert Immunologie, die Lehre von der Abstoßreaktion des Körpers auf fremdes Gewebe. Selbst die Hand, die noch gar nicht da ist, trainiert Hallam. Er spielt Klavier mit zwei Händen, obwohl er nur eine hat. "Ich habe ihn gebeten, auch mit seiner Phantom-Hand zu greifen", sagt Earl Owen. Tatsächlich stärken sich die Muskeln, die später die fremde Hand bewegen sollen.

Am 23. September vergangenen Jahres ist Clint Hallam schließlich am Ziel. Als einer von drei möglichen Patienten wird er für die Operation im französischen Lyon ausgewählt. Ein achtköpfiges, international besetztes Chirurgenteam unter der Leitung Owens und des französischen Chirurgen Jean-Michel Dubernard näht dem Mann Hand und Teil des Unterarms eines kurz zuvor bei einem Motorradunfall verunglückten Franzosen an den Arm.

Elle und Speiche der beiden Unterarmhälften werden miteinander verschraubt. Dann fügen die Ärzte unter dem Mikroskop 21 Sehnen zusammen und vernähen die zwei Hauptarterien sowie eine der beiden große Venen des Armes. Drei Nerven werden miteinander verbunden. Schließlich wird die Haut des Toten mit Hallams Haut vernäht.

Nach 13 Stunden ist die Sensation perfekt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Chirurgie ist es gelungen, einen Körperteil zu transplantieren, der nicht nur von außen sichtbar ist sondern auch aus einem Mischmasch verschiedener Gewebetypen - Haut-, Muskel-, Nerven- und Knochengewebe - besteht.

Wie Hallams Immunsystem auf den Toten-Arm reagieren, ob sein Körper das fremde Gewebe abstoßen wird, ist noch völlig offen. Doch die Ärzte sind optimistisch. Schon bald nach der medizinischen Pionierleistung spricht Dubernard den Verstümmelten dieser Welt Mut zu: "Sie können Hoffnung haben."

Der Optimismus reicht nicht lange. Denn obwohl die Ärzte medizinisch zunächst alles unter Kontrolle haben, ereignet sich im Arzt-Patienten-Verhältnis der Jahrhundertoperation kurz darauf der Super-Gau. Als "ein Geschäftsmann aus Perth", der seine Ärzte mit "seiner Persönlichkeit, seinem Mut und seiner Entschlußkraft" beeindruckt hat, ist Hallam der Welt vorgestellt worden. Dann wird jedoch klar: Der Mann ist ein Lügner.

Zwei Tage vor der Operation eröffnet Hallam dem Franzosen Dubernard seine kriminelle Vergangenheit. Zwar hat der Patient seinen Arm tatsächlich bei einem Unfall mit einer Kreissäge verloren. Zur Zeit des Unfalls jedoch saß Hallam wegen Betrugs für zwei Jahre im neuseeländischen Christchurch im Gefängnis.

Auch aktuelle Anklagen wegen Betrugs in sieben Fällen werden aus Australien bekannt. Nach Angaben von Anwälten geht es um eine Betrag von rund 800.000 Australdollar. Hallam selbst spricht von nur 37.000 Dollar.

Warum der Patient seine Ärzte über zwei Jahre foppen konnte, ist kein Geheimnis. In seiner Heimat gilt Hallam als "König der Schwindler". Er ist ein zurückhaltender, attraktiver Mann mit dunkelbraunen, warmen Augen und einer angenehmen, weichen Stimme. Menschen, denen er Tausende von Dollar schuldet, beschreiben ihn als "sehr sehr überzeugend" - ein Charme, mit dem Hallam offenbar auch seine Ärzte täuschte.

Die erklären eilig, für sie mache die Vergangenheit ihres Patienten keinen Unterschied. Dennoch drücken sie Zweifel aus, ob Hallam als Jahrhundertpatient die richtige Wahl war. Das Vertrauensverhältnis ist erschüttert.

Gleichzeitig mit den Enthüllungen um die Person Clint Hallam, die die Weltpresse mit professioneller Begeisterung aufnimmt, wächst die Kritik an dem Eingriff selbst. Denn im Unterschied zu etwa Herz-, Leber- und Nierenkranken, deren Leben man mit Spenderorganen retten kann, war Clint Hallam bis auf den fehlenden Arm vor der Operation bei bester Gesundheit.

Schon bei herkömmlichen Transplantationen sind die Patienten nach dem Eingriff auf lebenslange Behandlung mit starken Medikamenten angewiesen, die die Abwehrreaktion des Körpers gegen das Spendergewebe eindämmen sollen. Selbst mit diesen Medikamenten wird das fremde Gewebe in etwa einem von drei Fällen vom Körper abgestoßen.

Zudem können die derzeit erhältlichen Medikamente starke Nebenwirkungen haben und etwa Infektionen, Nierenschäden, Diabetes oder Lymphdrüsenkrebs auslösen. Letzterer gilt unter Experten als größte Bedrohung für den Patienten. "Selbst wenn die Medikamente nach Entstehung des Krebses abgesetzt werden, kann der Krebs weiterwachsen und den Patienten töten", sagt der amerikanische Transplantationsspezialist Warren Breidenbach. So kann ein gesunder Mensch zum lebenslangen Pflegefall werden oder sogar sterben.

In Clint Hallams Fall ist es erstmals die Haut, die den Ärzten die größten Sorgen bereitet. Sie ist von Natur aus des Körpers beste Abwehrwaffe und darauf getrimmt, uns alles Fremde vom Leib zu halten.

Sechs verschiedene Medikamente muß Hallam anfangs schlucken, um seinem Immunsystem vorzugaukeln, die neue Hand wäre Teil des alten Körpers. Physiotherapie unterstützt die Genesung des Armes. Tatsächlich stellen sich schon bald die ersten Erfolge ein. Nur zweieinhalb Monate nach der Operation kann der Patient die Finger der neuen Hand bewegen. Er spürt heiß und kalt auf dem Handrücken, Fingernägel und Haare der Zweithand wachsen nach.

Auch psychologisch scheint Hallam stabil: "Es ist meine Hand", sagt er im Dezember. "Ich bin sicher, daß sie wieder 100-prozentig funktionieren wird." Weil die Hand von Muskeln bewegt werde, die überhalb des Transplantats liegen, wirke die neue Hand für den Patienten wie die alte, erklärt Chirurg Owen die schnelle Akzeptanz. "Die Muskeln ziehen Sehnen, die einem anderen gehörten", so der Arzt. Der Patient habe jedoch das Gefühl, das sich sein eigener Finger bewege.

Warum die kommenden Wochen dann fast in einem Fiasko für Hallams Hand und den Ruf seiner Operateure enden, ist noch unklar. Der Franzose Dubernard glaubt an eine "psychologische Reaktion" nachdem Hallam "für drei Monate von Ärzten umgeben war". Earl Owen vermutet, der Patient habe von dem Wirbel um seine Person "einfach genug" gehabt. Zudem erfährt Hallam, daß er als Ex-Sträfling aus Neuseeland ein neues Visum für Australien beantragen muß.

Der Patient selbst gibt keine Auskunft. Fakt ist jedoch, daß Hallam am 8. Januar Lyon mit Medikamenten für zwei Monate im Gepäck verläßt. In London setzt er seine Familie in ein Flugzeug nach Australien. Dann meldet er sich ein letztes Mal bei dem britischen Mitglied seines Operationsteams, Nadey Hakim.

Hakim ist hoch erfreut über die Fortschritte Hallams. "Er hatte einen starken Griff", erinnert sich der Chirurg, der mit Hallam sogar einen Pub besucht und Zeuge wird, wie der Mann mit der neuen Hand "ein Bier nimmt und es trinkt." Kurz darauf verschwindet Clint Hallam für fünf Wochen von der Bildfläche.

Für die Operateure von Lyon beginnt eine harte Zeit. Sie müssen befürchten, daß ihr Jahrhundertpatient ohne ständige Kontrolle der Medikation seine körperliche Neuerwerbung kurzerhand wieder verliert. Gleichzeitig bekommen sie Konkurrenz aus Amerika. Am 24. Januar näht ein Operationsteam um den amerikanischen Chirurgen Warren Breidenbach in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky die Hand eines Toten in 15 Stunden an den Arm des 37-jährigen Matthew Scott.

Die Operation ist noch umstrittener als die der Kollegen in Frankreich. Schon kurz nach dem Eingriff in Lyon hatte die amerikanische Handchirurgenvereinigung gemahnt, mit weiteren Transplantationen zu warten, bis der Erfolg von Hallams Operation feststehe. Jetzt wird den Ärzten erst recht vorgeworfen, daß es ihnen an der gebotenen Geduld gefehlt habe.

"Warum jetzt? Warum mit alter Technik und mit alten Medikamenten", fragt Vincent Hentz, Präsident der US-Handchirurgenvereinigung. Handtransplantationen "sollen und werden stattfinden", so Hentz. Es gebe jedoch gute Gründe, noch ein paar Jahre auf bessere Medikamente gegen die Abstoßreaktion zu warten. "Niemand wird in den nächsten paar Jahren sterben nur weil wir diesen Eingriff nicht durchführen", so Hentz gegenüber dem amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek.

Zudem zeigen Erfahrungen aus der Unfallchirurgie, daß das Ergebnis von Handtransplantationen oft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Zwar wachsen die Handnerven in angenähten Gliedmaßen täglich um etwa einen Millimeter nach. Häufig klagen die Patienten jedoch über chronische Steifheit der Hand oder schmerzhafte Empfindlichkeit gegenüber Kälte.

Auch Matthew Scott versprechen die Ärzte kaum mehr als 50 Prozent der ehemaligen Handfunktionen. Der Tag, an dem Scott wieder seine Schnürsenkel binden oder sein Hemd zuknöpfen könne, werde "nicht kommen", sagt Chirurg Breidenbach.

Doch der Patient ist zuversichtlich. 1985 hatte Scott sich verstümmelt, als ein Feuerwerkskörper in seiner Hand explodierte. "Dies ist meine Chance, den Fehler von vor 13 Jahren wieder gut zu machen", sagt Scott nach dem Eingriff. Makabres Detail der Operation in Louisville: Die neue Hand Scotts gehörte vorher einem verurteilten Mörder, der sich später selbst umbrachte. Die Anonymität des Spenders wurde im harten Wettbewerb der amerikanischen Agenturen umgehend gebrochen.

Die Recherche amerikanischer Medien führt schließlich auch dazu, daß Clint Hallam wieder auftaucht. Der Fernsehsender CBS spürt den Neuseeländer in Las Vegas auf. Am 22. Februar können seine Ärzte in einer Fernsehshow erfahren, daß die Hand des Patienten rote Flecken aufweist und leicht angeschwollen ist. "Ich habe wahrscheinlich 40 Prozent der Bewegungsfähigkeit verloren, die ich in Lyon hatte", räumt Hallam ein.

Im gebraucht gekauften Mini-Van ist der flüchtige Patient nach seinem Verschwinden durch Amerika gereist und will zahlreiche Prominente und Ärzte aufgesucht haben, an deren Namen er sich allerdings nicht mehr erinnern kann. Von Chicago aus ist er nach Kalifornien gefahren, dann via Florida nach Boston und schließlich Las Vegas. Die Kritik seiner Chirurgen wehrt der Mann ab. "Die Ärzte vergessen leicht, daß ich meinen Körper besser kenne als sie", sagt Hallam. "Ich verliere meine Hand nicht. Ich werde doch nicht einen Traum wegwerfen."

Noch einige Tage verbringt Hallam in Las Vegas. Dann, nach sechseinhalb Wochen ohne Behandlung, endet die Odyssee des Patienten schließlich Mitte März doch noch glücklich im westaustralischen Perth. Zum ersten Mal seit 14 Jahren kann Hallam seine Frau Daphne mit zwei Händen in die Arme schließen.

"Clint Hallam ist ein außergewöhnlicher Mensch und er hat sehr viel Glück gehabt", sagt Earl Owen, der als erster den weitgereisten Arm des Mannes schließlich in Augenschein nehmen kann. "Wenn er keine Medikamente dabei gehabt hätte, wäre die Hand verloren gewesen."

Der überraschende Befund des Arztes: Obwohl Hallam das Bewegungstraining auf seiner Reise "vergessen" habe, funktionieren Sehnen und Muskeln des Armes gut. Die Nerven sind in den sechs Monaten seit der Operation von der Ansatzstelle aus 30 Zentimeter in den neuen Arm hineingewachsen. Die Rötung der Haut verschwindet, nachdem die Medikation Hallams wieder genau eingestellt ist.

"Dieser Mann wird mindestens 80 Prozent seiner Handfunktion zurückgewinnen", begeistert sich Owen. "Es ist sogar möglich, daß er irgendwann keine Medikamente mehr braucht, weil der Körper sich vollkommen an das Transplantat gewöhnt hat."

Ermutigt durch das positive Ergebnis plant der Chirurg schon in die Zukunft. "Wir werden eine Serie von Handtransplantationen machen und uns dann langsam den Arm hinaufarbeiten", sagt der Arzt. Sieben handlose Patienten will Owen schon in naher Zukunft operieren. "Hunderte" hätten sich beworben.

Andere Ärzte sehen bereits heute, wie sich die Leichenfledderei auch auf ganz andere Körperregionen als nur die Gliedmaßen ausweiten könnte. "Wenn wir Medikamente entwickeln, die nur noch minimale Komplikationen verursachen, können wir alles transplantieren", sagt etwa Warren Breidenbach aus Louisville. "Ein Gesicht, einen Kiefer, eine Brust oder auch einen Penis."

Operationen dieser Art seien durch den Nutzen für den Patienten gerechtfertigt, glaubt Breidenbach - eine Einschätzung die auch Kollege Owen teilt: "Eingriffe wie dieser bringen mehr Lebensqualität", so der Arzt. Im Zweifelsfall sei es doch keine Frage: "Wenn man nur eine Hand hat, will man eine zweite", glaubt Owen.

Was schließlich alles im menschlichen Ersatzteillager landen wird, bleibt abzuwarten. Clint Hallam jedenfalls hat bislang nicht bereut, das Versuchskaninchen zu spielen. Und einen nächsten Traum hat der Familienvater, der inzwischen sogar wieder mit seinem Sohn Basketball spielt, auch schon: "Ich möchte wieder Klavier spielen können", sagt Clint Hallam. "Beethovens Fünfte oder so etwas - das wäre für mich die Krönung."

Philip Bethge





© Der Spiegel 11/1999

GRUNDGESETZ FÜR GORILLAS?

Nach dem Willen von Tierschützern sollen Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans demnächst in Neuseeland mit Menschenrechten ausgestattet werden. Muß der Homo sapiens den Umgang mit seinen nächsten Verwandten überdenken?

Wenn Gorilla-Dame Koko aus dem kalifornischen Woodside gefragt wird, was Gorillas am liebsten tun, antwortet sie mit beiden Händen. "Gorilla lieben essen gut", bedeutet dann die 254-Pfund-Äffin ihrem Gegenüber per Zeichensprache und hat damit nur einen Bruchteil ihres Wortschatzes verplaudert.

Über tausend Wörter habe Koko, Versuchsäffin der amerikanischen Gorilla Foundation, in den 27 Jahren ihres Lebens bislang gelernt, teilt ihre Betreuerin, die Affenforscherin Francine Patterson, mit.

Gekonnt zeigt die Äffin auf ihre Lieblingsfarbe (Rot) oder beschafft sich Leckerbissen (Gourmet-Tofu) per Zeichenbefehl. Mehr als 50 Wörter soll das Tier inzwischen sogar selbst entwickelt haben, etwa "Flaschen-Zündholz" für Feuerzeug oder "Weißer Tiger", um ein Zebra zu beschreiben.

Damit gilt Koko derzeit als der gesprächigste Gorilla der Welt und gleichzeitig als Paradebeispiel für die Intelligenz und Lernfähigkeit, die den nahen Verwandten des Menschen eigen ist. Mühelos hantieren die haarigen Wesen mit Werkzeugen. Menschenaffen können den Umgang mit Zahlen erlernen, verfügen über die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen, zu lügen und zu betrügen, und können ­ wie die Menschen ­ blutige Vernichtungskriege führen.

Grund genug für eine Gruppe von 38 neuseeländischen Naturwissenschaftlern, Juristen und Philosophen, bestimmte Menschenrechte für Große Menschenaffen einzufordern. "Es gibt sehr viele Hinweise darauf, daß Menschenaffen mindestens so intelligent sind wie vierjährige Kinder", sagt der Biologe David Penny, Wortführer der Gruppe, die dem neuseeländischen Parlament kürzlich einen entsprechenden Gesetzesvorschlag unterbreitet hat.

Hat der Vorstoß Erfolg, könnte Neuseeland schon binnen weniger Wochen das erste Land der Welt sein, in dem für die Großen Menschenaffen ­ Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans ­ das Recht auf Leben, das Recht auf angemessene Unterbringung sowie das Verbot von Folter und medizinischen Experimenten gelten.

Ähnlich wie bei Kindern soll dann jedermann in der Lage sein, diese Grundrechte vor Gericht für die Affen einzuklagen. Bei Bedarf soll jedem der zotteligen Primaten gleichsam als Elternersatz ein verantwortlicher Homo sapiens zur Seite gestellt werden.

"Menschenaffen und Menschen haben einige sehr vergleichbare Fähigkeiten", begründet Penny den Antrag und hofft auf einen Präzedenzfall auch für andere Länder: "Wir müssen endlich unsere Gesetze ändern, um dieser Tatsache Rechnung zu tragen."

Penny und seine Mitstreiter gehören zur neuseeländischen Abteilung des "Great Ape Project", eines weltweiten Zusammenschlusses von Tierschützern, die bereits seit einigen Jahren mehr Rechte für Menschenaffen fordern.

Mit darwinistischer Konsequenz will die Gruppe, zu der neben dem australischen Bioethiker Peter Singer auch die Schimpansenforscherin Jane Goodall und der britische Evolutionsforscher Richard Dawkins gehö-ren, die Grenze zwischen Mensch und Affe einreißen und die haarige Verwandtschaft quasi eingemeinden. Endziel des "Great Ape Project": eine Uno-Deklaration, die die Rechte der Menschenaffen nach neuseeländischem Vorbild festschreibt und dazu noch das Recht auf individuelle Freiheit garantiert.

"Aus ethischer Sicht gibt es keinen Grund, warum wir nicht den Menschenaffen einige Rechte geben sollten", sagt Peter Singer, der 1975 mit dem Buch "Befreiung der Tiere" die Tierrechtsbewegung mitbegründet hat. Präzise Argumente gegen eine Sonderstellung des Menschen in der Evolution liefere auch die Molekulargenetik, argumentiert Singer. Schimpansen zum Beispiel haben 98,4 Prozent der Erbinformationen mit dem Menschen gemein, vom Gorilla unterscheidet sich der Mensch in nur etwa 2,3 Prozent der DNS.

Der große Graben zwischen Mensch und Tier, folgert der Philosoph, habe seinen einzigen realen Ort in der menschlichen Phantasie ­ Singer vergleicht den derzeitigen Status der Menschenaffen mit dem von Sklaven. Wer gegen Rassismus und Sexismus kämpfe, argumentiert der Wissenschaftler, müsse auch gegen den "Speziesismus", die Diskriminierung nah verwandter Arten, streiten.

Mit der Forderung nach schärferen Gesetzen zum Schutz der Menschenaffen steht Singer nicht allein. "Wir sollten versuchen, unsere Gesetze endlich mit der biologischen Realität in Einklang zu bringen", sagt auch Roger Fouts, Affenforscher an der University of Central Washington. Die Gesetze zum Schutz von Schimpansen etwa in den USA seien immer noch völlig unzureichend, klagt Fouts. Bindend vorgeschrieben für die Haltung der Tiere seien beispielsweise ein Käfig mit einer Grundfläche von nur 2,3 Quadratmetern und einer Höhe von 2,10 Metern sowie ein einziges Spielzeug. "Die Tiere so lebenslang einzusperren, ist ungeheuerlich", sagt Fouts.

Auch medizinische Versuche mit Menschenaffen geraten zunehmend in die Kritik. Vor drei Jahren noch wurde es als wichtiger Schritt in der Entwicklung eines Aids-Impfstoffs gefeiert, daß Versuchsaffe Jerom vom Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta als erster Schimpanse mit einem HI-Virus angesteckt werden konnte und Symptome der tödlichen Krankheit Aids entwickelte.

Inzwischen sind die Versuche in Atlanta eingestellt worden. Eine internationale Gruppe von Forschern hat kürzlich im Wissenschaftsmagazin "Science" ethische und wissenschaftliche Einwände gegen HIV-Versuche mit Schimpansen vorgebracht.

Andere Forscher halten Experimente mit Menschenaffen gerade wegen deren Ähnlichkeit mit dem Menschen auch weiterhin für notwendig, um neue Medikamente oder Impfstoffe zu testen. Allein in den USA werden derzeit noch 1400 Schimpansen für die Forschung benutzt, in Europa sind es rund 200.

Neue Gesetze zum Schutz der Menschenaffen, warnt Bertha Madras, Direktorin des New England Regional Primate Research Center in Southborough, Massachusetts, hätten "ernsthafte Folgen für die Entwicklung von Behandlungsmethoden bei einer Reihe von Krankheiten". Madras, die derzeit Rhesusaffen für die Aids-Forschung benutzt, sieht keinen Grund, Schimpansen oder Gorillas prinzipiell zu schonen. "Meine Priorität ist Leben", sagt die Forscherin, "menschliches Leben."

Kopfzerbrechen bereiten vielen Kritikern des "Great Ape Project" auch die teilweise radikalen Thesen des Bioethikers Singer, der als einer der Wortführer der Bewegung auftritt. Singer, Professor an der Monash University in Melbourne, verbindet mit seinen Forderungen eine Ethik, die besonders in Deutschland schon Ende der achtziger Jahre zu wütenden Protesten, unter anderem von Behinderten-Verbänden, führte: Der Philosoph befürwortet die Euthanasie bei schwerstbehinderten Neugeborenen ­ vielen Deutschen gilt er als Killer, der schreckliche Erinnerungen an die NS-Zeit wachruft.

Singer glaubt, daß Handlungen dann moralisch richtig seien, wenn sie "die besten Konsequenzen für alle Betroffenen" nach sich ziehen. Von diesem utilitaristischen Gedanken ausgehend, findet der Wissenschaftler es konsequent, daß schwerstbehinderte Neugeborene mit schlechter Zukunftsprognose zu ihrem eigenen Wohl getötet werden dürfen, wenn es die Eltern so wollen.

Nach Singers Ansicht setzt die Würde einer Person und damit ihr Recht auf Leben Eigenschaften wie Selbstbewußtsein, eigene Interessen und Zukunftserwartungen voraus. Da Große Menschenaffen diese Eigenschaften besäßen, müsse man ihr Leben schützen; dagegen sei es aus ethischer Sicht zulässig, mißgebildete Embryonen und geistig schwerbehinderte Neugeborene zu töten.

"Wenn Menschen Schimpansen bestimmte Rechte verwehren, dann sollten sie dieselben Rechte logischerweise auch geistig behinderten Kindern verweigern", folgert der Wissenschaftler.

Derartige Thesen lösen selbst bei Forschern, die sich seit Jahrzehnten mit der Intelligenz von Menschenaffen beschäftigen, nur Kopfschütteln aus. "Ein furchtbarer Vergleich", kommentiert Frans de Waal, Verhaltensforscher am Yerkes Regional Primate Research Center in Atlanta und einer der angesehensten Primatologen der Welt. "Beleidigend für die Eltern solcher Kinder wie für uns als Wissenschaftler".

Zwar fordert auch de Waal mehr Rechte für Tiere. Zwischen Menschenrechten für Affen, wie vom "Great Ape Project" gefordert, und zum Beispiel einem erweiterten Tierschutzgesetz sieht der Forscher jedoch wesentliche Unterschiede.

"Menschliche Moral, wie wir sie kennen, würde sich sehr schnell in nichts auflösen, wenn sie nicht mehr das Leben des Menschen in den Mittelpunkt stellt", glaubt de Waal. "Wenn wir nur ein Krankenhausbett frei haben ­ wem wollen wir es denn geben ­ einem Kind oder einem Affen?" fragt der Forscher.

Auch vermag der Ethologe nicht einzusehen, warum Ähnlichkeit mit dem Menschen auch menschenähnliche Rechte bedingen sollte. "Wenn wir anfangen, Schimpansen und Gorillas Menschenrechte zu geben, müßten wir sie dann konsequenterweise nicht auch anderen Affen und schließlich sogar Ratten geben?" Was aber solle der Mensch dann etwa mit dem Löwen machen, der die Antilope zerreißt? "Philosophisch ist das alles ein riesengroßes Kuddelmuddel", glaubt de Waal.

"Natürlich haben wir eine Verpflichtung, Menschenaffen gut zu behandeln", resümiert der Forscher. Den 28 Schimpansen und sechs Orang-Utans, die derzeit in neuseeländischen Zoos leben, gehe es allerdings nicht schlecht; auch wurde in Neuseeland noch nie mit Großen Menschenaffen experimentiert.

Vor allem die nur noch rund 200 000 Schimpansen, die derzeit in freier Wildbahn leben, so meint Primatologe de Waal, müßten dringend besser geschützt werden.

Philip Bethge

DER SPIEGEL 11/1999 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



© Der Spiegel 1/1999

RAMMBOCK IN DEN RUMPF

Die diesjährige Hochseeregatta von Sydney nach Hobart endete mit einem Desaster. Nicht technisches Versagen, sondern blinder Ehrgeiz trieb die Sportler in den Tod

Matte und traurige Sieger erreichten am Morgen des vergangenen Dienstags den Hafen der tasmanischen Hauptstadt Hobart. Die Champagnerflaschen blieben verschlossen. Auch das sonst übliche Feuerwerk wurde abgesagt.

"Das war kein Rennen mehr", sagte der amerikanische Computermilliardär Larry Ellison, Eigner und Skipper der Siergerjacht "Sayonara". "Es ging nur noch darum, das Boot und die Mannschaft in einem Stück an Land zu bringen." Einige hundert Seemeilen weiter nördlich kämpften andere Teilnehmer ums Überleben.

Kurz vor Mitternacht hatte eine riesige Welle die Jacht "Midnight Special" des Skippers Roger Barnett in der Bass-Straße zwischen Australien und Tasmanien ergriffen. Das 13 Meter lange Schiff legte sich auf die Seite, kenterete und drehte sich einmal um die Längsachse.

Als Barnett wieder atmen konnte, war der Mast des Schiffes verschwunden, die Takelage ein nutzloses Gewirr aus Wanten und Stagen. "Es war grauenhaft und stockfinster", erinnert sich der Segler, der am Ende glimpflich davonkam. Im Morgengrauen wurde er mit seiner achtköpfigen Crew per Hubschrauber aus dem manövrierunfähigen Restschiff gerettet.

Weit tragischer endete das Rennen für den Oldtimer "Winston Churchill". Ein turmhoher Brecher trieb den Mast des 56 Jahre alten Schiffs wie einen Rammbock durch den Rumpf. Die museale Jacht, noch im Jahr zuvor von ihrem Eigner Richard Winning aufwendig restauriert, sank innerhalb von 20 Minuten.

Nur sechs der neun Crewmitglieder konnten Stunden später lebend aus der tosenden See geborgen werden, nachdem ihre schon in Fetzen hängenden Rettungsinseln mehrmals durchgekentert waren. Insgesamt starben sechs Segler bei der diesjährigen Sydney-Hobart-Regatta - die bisher tragischste Bilanz in der 53-jährigen Geschichte der südpazifischen Wettfahrt.

War die Katastrophe vorhersehbar? Hätte die Rennleitung vom Cruising Yacht Club of Australia die Veranstaltung abbrechen müssen, als wenige Stunden vor dem Start der Orkan mit Windgeschwindigkeiten um 130 Stundenkilometer durch die Bass-Straße heraufzog?

Aus der Sicht erfahrener Hochseesegler war das diesjährige Sturmtief nichts Ungewöhnliches. Die Sydney-Hobart-Regatta ist "kein Kindergeburtstag", sagt der Hamburger Zahnarzt Lorenz Jensen, der dort vor zwei Jahren als Crewmitglied der "Morning Glory" den Streckenrekord aufstellte. Windgeschwindigkeiten wie in diesem Jahr, bei denen es "pfeift, zischt und brodelt", seien dort unten normal.

Die jüngste Tragödie liege auch nicht in Materialfehlern begründet, sondern in der großen Zahl von Amateuren, "bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie in Extremsituationen das Richtige tun", meint Jensen. Aus blindem Ehrgeiz bleiben auch die Führer kleinerer Schiffe oft zu lange auf Kurs zum Rennziel, statt abzudrehen und "vor den Wellen abzulaufen", also auf einen sicheren Vorwindkurs zu gehen.

Auch Tim Kröger, der prominenteste deutsche Hochseesegler, der während der Unglücksregatta in den Alpen Ski lief, glaubt, daß "falscher Ehrgeiz von Hobbyseglern" zum unglücklichen Ausgang der Fahrt beitrug.

Als Zeichen von Chaos und Überforderung wertet er etwa die Tatsache, daß viele der Segler ihre noch schwimmenden Schiffe verließen und in Rettungsinseln stiegen. "Die hatten total die Kontrolle verloren", urteilt Kröger. Die Grundregel lautet: "Steige niemals hinab in eine Rettungsinsel" - sondern allenfalls in sie hinauf. Solange der Schiffsrumpf noch schwimmt, ist er, auch ohne Mast, allemal die sicherere Alternative.

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Philip Bethge, Matthias Müller von Blumencron, Gerhard Pfeil, Christian Wüst

DER SPIEGEL 1/1999 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



© Der Spiegel 2/1999

GELBER KUCHEN AUS DEM SUMPF

Australien will seine Uranindustrie ausbauen. Die Unesco sieht das Naturerbe des Kontinents bedroht, die Ureinwohner fürchten um ihre Rechte - von Philip Bethge

Die Demonstranten besuchten ihr Stammesland in aller Frühe. Im Schein der Fackeln griff Yvonne Margarula, Älteste der Mirrar im australischen Kakadu Nationalpark, zu Pinsel und Farbeimer, bemalte einen Ausrüstungsbehälter des Bergbauunternehmens Energy Resources of Australia (ERA) mit Parolen und machte es sich anschließend darauf bequem.

Kurz darauf saß Margarula für sechs Stunden im Gefängnis und mußte sich anschließend vor Gericht dafür verantworten, daß sie ihr eigenes Land unbefugt betreten hatte.

David und Goliath im tropischen Norden Australiens: Die ERA, drittgrößter Uranproduzent der Welt, will inmitten eines der berühmtesten Naturgebiete Australiens das zweitgrößte, unerschlossene Uranvorkommen der Erde ausbeuten. Der 25-köpfige Aborigines-Stamm der Mirrar, traditioneller Besitzer des geplanten Minenstandortes Jabiluka, wehrt sich.

Spätestens seit Minengegner Ende März letzten Jahres ein permanentes Protestcamp in der Nähe Jabilukas aufgeschlagen haben, hat der ungleiche Kampf im Kakadu Nationalpark die Öffentlichkeit erreicht. Über 3000 Demonstranten sind inzwischen in den 260 Kilometer östlich von Darwin gelegenen Flecken gereist, um gegen die Mine zu protestieren. Alarmiert von den wachsenden internationalen Protesten droht nun die Unesco, Wächter über das als Weltkultur- und -naturerbe eingetragene Terrain, den Standort als gefährdet einzustufen.

"Die Jabiluka-Uranmine birgt schwere Unwägbarkeiten und potentielle Gefahren für den Kakadu-Nationalpark", schrieben die Unesco-Inspekteure nach viertägigem Ortstermin Ende November in einen Report, der bei Australiens Uranindustriellen und Regierungspolitikern erbitterte Reaktionen auslöste0. "Parteiisch, tendenziös und ohne jegliche Objektivität", kommentierte Umweltsenator Robert Hill.

Dabei könnte der Streit um die Mine im äußersten Norden des Landes nur ein Vorgeschmack auf das sein, was Australien in den kommenden Jahren ins Haus steht. Denn gleich an 13 Stellen im ganzen Land haben Geologen Uranvorkommen geortet, die als neue Minenstandorte in Frage kommen. Vier Minen sind definitiv geplant. Der Ausbau der australischen Uranindustrie, nach der kanadischen heute schon die zweitgrößte der Welt, scheint beschlossene Sache.

"Wir erwarten, daß der Bedarf an Uran in den nächsten Jahren erheblich ansteigt", erklärt Ian Hore-Lacy vom industrieeigenen Uran-Informations-Center (UIC) in Melbourne den Expansionsdrang. Zwar wächst der Weltmarkt für den Spaltstoff derzeit nur um jährlich ein Prozent. Die Lagerbestände der Atomkraftwerke gehen jedoch zur Neige.

Etwa 63500 Tonnen Uran verbrauchen die rund 450 Atomkraftwerke weltweit pro Jahr. Doch nur rund 35600 Tonnen des gelb-bräunlichen, als sogenannter yellowcake verschifften Metalls werden produziert.

Australien, mit den größten Uranlagerstätten der Welt (geschätzt: 633000 Tonnen) gesegnet, will sich sein Stück vom gelben Urankuchen sichern. 5500 Tonnen Uran produziert das Land derzeit pro Jahr in nur zwei Minen und liefert es an Atommeiler in elf Ländern, darunter Deutschland. Ohne politische Beschränkungen, so errechnet das UIC, könnte sich Australiens Uranproduktion in den kommenden sechs Jahren mehr als verdoppeln. Die geplante Uranmine in Jabiluka ist dabei Dreh- und Angelpunkt der Expansion.

Die Betreiberfirma ERA vermutet rund 76000 Tonnen Uran in der tropischen Erde. Mit 6.2 Milliarden Dollar soll die Mine in ihrer auf 28 Jahre angelegten Betriebsdauer die australische Wirtschaft beflügeln. 164 Arbeitsplätze verspricht das Unternehmen der strukturschwachen Region. Insgesamt 210 Millionen Australdollar sollen für die ansässigen Aborigines abfallen.

Doch bislang macht die ERA die Rechnung ohne den angeblichen Nutznießer. Denn die Aborigines, nach den Gesetzen des Northern Territory traditionelle Besitzer Jabilukas, wollen die Mine nicht.

"Seit Uran im Kakadu Nationalpark gefunden wurde, versuchen die Mirrar ihr Land vor der Ausbeutung zu schützen", sagt Jacqui Katona, Sprecherin der Ureinwohner. Aus Sorge um ihre heiligen Stätten und ihre kulturelle Identität hätten die Aborigines schon 1970 gegen die nur 22 Kilometer von Jabiluka entfernt gelegene Ranger-Mine, heute ebenfalls im Besitz der ERA, protestiert. Nur unter Druck hätten die Menschen damals eine Vereinbarung unterzeichnet, die schließlich den Bau der Mine ermöglichte und heute von der ERA auch als Grundlage für den Minenstandort Jabiluka genutzt wird.

"Auch damals hat man den Mirrar Arbeit, Häuser und bessere Gesundheitsversorgung versprochen", sagt Katona. Profitiert habe bislang nur das Unternehmen. "Die Mirrar leben bis heute unter Drittwelt Bedingungen."

Die Ranger-Mine ist mit einem Ausstoß von 4000 Tonnen Uran jährlich derzeit die drittgrößte Uranmine der Welt. Auf 500 Hektar Land kann hier jeder Tourist Minenbaukunst im Detail studieren. Gewaltige Abraumhalden türmen sich zwischen den beiden Gruben des Tagebaus. Radioaktives Restgestein wird in einem durch Erdwälle gesicherten Damm zwischengelagert. Wasser, das für den Extraktionsvorgang des Urans benötigt wird, verdunstet in mehreren Absatzbecken und hinterläßt seine verstrahlte Fracht.

Umweltschützern ist der Koloß, der wie Jabiluka von allen Seiten vom Kakadu Nationalpark umgeben ist, suspekt. Sie sehen die einzigartige Natur des Nationalparks bedroht, eines der großartigsten Feuchtgebiete der Welt.

Kakadu ist als einer von nur 17 Orten weltweit von der Unesco gleichzeitig als schützenswertes Kultur- und Naturerbe der Welt anerkannt. Das Gebiet von der Größe Belgiens ist zudem ein Herzstück der australischen Tourismusindustrie. Rund 300000 Menschen jährlich besuchen die vogelreichen Sümpfe um den South Alligator River, der vor Krokodilen nur so wimmelt.

Die Uranminen, so fürchten Umweltschützer, könnten das Idyll zerstören. Der Abraum, der bei der Extraktion des Urans entsteht, enthält bis zu 80 Prozent der einst im Gestein gebundenen Radioaktivität. Das durch den Verarbeitungsvorgang pulverfein zermahlene Restgestein, so die Minengegner, sei geradezu prädestiniert, den Nationalpark zu vergiften.

"Es ist nicht möglich, den Abraum auf Dauer zu isolieren", sagt Michael Krockenberger, Kampagnenchef der Australian Conservation Foundation (ACF). Rund 20 Million Tonnen Restgestein seien von der Mine in Jabiluka zu erwarten. "Die strahlen für mehr als 200000 Jahre", so Krockenberger.

Der ACF-Aktivist befürchtet zudem, daß radioaktiv verseuchtes Wasser aus den Minen seinen Weg in die Feuchtgebiete ringsum finden könnte. Die Ranger-Mine entlasse heute schon routinemäßig gering verstrahltes Wasser in den Park. Auch entstehe beim Abbau von Uran das radioaktive Edelgas Radon, das sich, schwerer als Luft, in Bodennähe ausbreite. Über Jahrzehnte eingeatmet, löst Radon Lungenkrebs aus.

Die ERA, im Juni letzten Jahres von Australiens Umweltminister Robert Hill mit der Baugenehmigung für Jabiluka versehen, hält die Vorwürfe für Panikmache. "Wir planen eine der sichersten Uranminen der Welt", sagt Manager Phillip Shirvington. "Es wird keine negativen Effekte auf den Nationalpark oder die Kultur der Aborigines geben."

Anders als in der benachbarten Ranger-Mine soll das Uran in Jabiluka unter Tage abgebaut werden. Die Mine selbst werde nur eine Fläche von "knapp zwei Fußballplätzen" in Anspruch nehmen, so Shirvington. Der Abraum soll mit Zement vermischt und in unterirdischen Stollen oder in den alten Gruben der Ranger-Mine gelagert werden. Hore-Lacy von der Industrie-Agentur UIC: "Eine Mine mit weniger Einfluß auf die Umwelt als Jabiluka ist kaum vorstellbar." Doch die Kampagne der Mirrar zeigt schon Wirkung. Einer kürzlich veranstalteten Umfrage zufolge lehnen 67 Prozent der Australier die neue Mine ab. Das Europäische Parlament hatte schon im Januar letzten Jahres die australische Regierung zum Stop des Projekts aufgerufen.

Bei der Unesco konnte der industriefreundliche Senator Hill inzwischen wieder ein Stück Terrain gutmachen. Nach intensiver Lobbyarbeit erwirkte der Umweltpolitiker Aufschub bis zum 15. April und damit die Chance, die Kommission doch noch von der Ungefährlichkeit der Mine zu überzeugen. Die Reaktion der Minengegner ließ nicht lange auf sich warten. "Lächerlich", kommentiert Jacqui Katona. "Die Unesco ist von den Lügen der Regierung getäuscht worden."

"Die Aborigines jagen und leben in diesem Gebiet. Sie begraben hier ihre Toten, bringen ihre Kinder zur Welt und leben ihre Kultur", so Katona. "Für die Mirrar ist Jabiluka eine Frage des Überlebens."

DER SPIEGEL 2/1999 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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