AusMag - Australien Informations Magazin

© Der Spiegel 50/1998

LIEBLICHER OSTWIND

Die Ballonfahrer starten zur nächsten Runde in der bislang erfolglosen Wettfahrt um die Erde. Ein neues Team will es jetzt in der Stratosphäre versuchen - von Philip Bethge

Info Ballon

Die Fahrgäste waren Tiere, die Mission ist längst Legende. Einen Hahn, ein Schaf und eine Ente schickten die Brüder Montgolfier am 19. September 1783 als erste Passagiere der Luftfahrtgeschichte in den Himmel. Acht Minuten dauerte das Spektakel über Versailles. Nach vier Kilometern ging der mit einem Strohfeuer beheizte Heißluftballon in einem Waldstück zu Boden.

Über zwei Jahrhunderte später will jetzt erneut ein Dreierteam Ballonfahrtgeschichte schreiben. Das Fluggerät ist diesmal riesig, das Unternehmen nicht minder waghalsig.

Aufgehängt an einer Gasblase, in der der gesamte Kölner Dom Platz finden würde, wollen die Amerikaner Dave Liniger und Bob Martin sowie der Australier John Wallington Anfang Januar nächsten Jahres in die Stratosphäre starten, um eines der letzten Abenteuer der Aeronautik zu bestehen: die Umrundung der Erde im Ballon.

Das Team, das sich "Re/Max" nennt, plant, vom australischen Alice Springs in die buchstäblich atemraubende Höhe von 39 Kilometern aufzusteigen. Damit würde schon in den ersten zwei Stunden des Unternehmens der derzeitige Höhenrekord für die bemannte Ballonfahrt von 34,466 Kilometern gebrochen. Im fast luftleeren Raum angelangt, wollen sich die drei Männer 16 bis 18 Tage lang in einer kaum badezimmergroßen Druckkapsel um die Erde wehen lassen.

Die Bierbrauerei Anheuser-Busch (Budweiser) hat eine Siegprämie von einer Million Dollar ausgesetzt. "Wir sind besorgt, wir sind aufgeregt, wir trainieren hart", sagt Dave Liniger, Ballonpilot seit 1978 und Geschäftsführer der Immobilienfirma Re/Max International, die sich als Sponsor betätigt. "Diese Mission ist nicht ohne Risiko. Doch unsere Chancen stehen gut."

Re/Max ist nicht das erste Team, das den großen Schwebeflug um die Welt versucht. Schon 17 Anläufe hat es seit 1981 gegeben. Jedesmal sind die Piloten gescheitert, die meisten spektakulär. Im August dieses Jahres holte ein Blitz den amerikanischen Millionär Steve Fossett vom Himmel. 500 Seemeilen nordöstlich von Australien plumpste Fossett mit den Resten seiner "Solo Spirit" unverletzt ins Meer, nachdem er ­ bisher unübertroffener Rekord ­ 24 500 Kilometer im Ballon zurückgelegt hatte.

Sein britischer Konkurrent Richard Branson, Regent eines Musik- und Unterhaltungsimperiums, hatte noch mehr Pech. Seine "Virgin Global Challenger" wurde letztes Jahr im marokkanischen Marrakesch von einer Bö ergriffen und trieb über die Sahara, noch bevor Branson überhaupt einsteigen konnte. Zu Bruch ging das führerlose Gefährt dann in Algerien. Branson und Fossett wollen es demnächst mit vereinten Kräften erneut versuchen.

"Es gibt so viele Gründe, die zum Scheitern führen können", kommentiert Dave Liniger die Fehlversuche der Mitbewerber. Technisches Versagen, Länder, die den Überflug verbieten, und vor allem das Wetter seien die größten Feinde des erdumrundenden Ballonfahrers.

Alle bisherigen Rekordanwärter haben den sogenannten Jetstream zu nutzen versucht, einen in rund elf Kilometer Höhe wehenden, relativ gleichmäßigen Westwind. Die letzten bedienten sich sogenannter Rozier-Ballons, die über getrennte Kammern für Helium und Heißluft verfügen. Nachts, wenn sich der Ballon abkühlt und der Auftrieb nachläßt, werden bei diesen Systemen die Brenner angeworfen, um halbwegs auf Höhe und damit auf Kurs zu bleiben. Vielen Ballonisten ist dabei schon der Brennstoff knapp geworden. Zudem gerieten Piloten in der relativ erdnahen Luftschicht gelegentlich in Unwetter mit orkanartigen Stürmen.

Das Re/Max-Team will solchen Unbilden des irdischen Wetters durch noch mehr Höhe aus dem Weg gehen. In der Stratosphäre, gut 15 bis 20 Kilometer oberhalb des Jetstreams, ist das Wetter im Vergleich dazu fast lieblich. Während des Sommers auf der Südhalbkugel, der jetzt anbricht, weht dort ein steter Ostwind, der schon mehrere unbemannte Wetterballons der Nasa erfolgreich um den Globus gepustet hat.

Der Re/Max-Gigant, im Bauprinzip ähnlich den leistungsfähigsten Ballons der Meteorologen, soll nach seinem Start in der australischen Wüste in etwas mehr als zwei Stunden seine Reisehöhe von 39 Kilometern erreichen.

Beim Start gleicht die zwischen 0,02 und 0,08 Millimeter dünne Ballonhülle einem schlaffen Sack, erst während des Aufstiegs bläht sie sich zu einer prallen Kugel mit einem Durchmesser von 140 Metern. Von der Erde aus gesehen, erscheint sie dann halb so groß wie der Mond.

Mit einer Geschwindigkeit von rund 130 Stundenkilometern soll die Reise westwärts gehen, dem Wendekreis des Steinbocks folgend. Der Ballon wird Madagaskar, Südafrika, Brasilien und Argentinien überqueren; nach 37 000 Reisekilometern wird er in Australien zurückerwartet.

In der Theorie klingt das gemütlich, in der Wirklichkeit kann der Ritt auf den Lüften für die Piloten zum Horrortrip werden.

Liniger, Martin und Wallington wollen die fast dreiwöchige Flugzeit in der nur zwei mal zweieinhalb Meter großen, fast drei Tonnen schweren Druckkapsel aussitzen. Bei Campingnahrung, Trockenfrüchten und Schokoriegeln werden sie fast ausschließlich damit beschäftigt sein, zu überleben.

Um bis zu 100 Grad schwankt die Temperatur in der Stratosphäre. Der Druck beträgt nur einige Tausendstel des normalen Drucks auf der Erde. Wie in einer riesigen Schaukel werden die Piloten nachts um fast zehn Kilometer tiefer sinken, auf eine Flughöhe von 26 Kilometern. Die Hitze der Morgensonne treibt sie anschließend wieder in die Höhe. Eine weiße Spezialfarbe auf der Außenhaut der Gondel wird verhindern, daß die Insassen tagsüber wie Hähnchen am Spieß gegrillt werden.

Kritisch wird es auch, falls eines der Überlebenssysteme, die Druck, Temperatur und Luftzusammensetzung in der Gondel regulieren, während des Fluges versagt oder die Ballonhülle reißt. Dann hilft nur noch die schnelle Flucht nach unten. Die Piloten würden in diesem Fall die Tragseile zum Ballon kappen und mitsamt der Kapsel an einem riesigen Fallschirm zur Erde schweben.

Falls es schneller gehen muß, können sich die Ballonisten auch zum Sprung aus der Luke mit Raumanzug und Fallschirm entschließen. Daß Menschen so etwas überleben können, hat 1960 der Air-Force-Pilot Joseph Kittinger bewiesen. Er ließ sich freiwillig aus 31 Kilometer Höhe zur Erde fallen, erreichte dabei zeitweilig die wahnwitzige Geschwindigkeit von 988 Stundenkilometern und landete unbeschadet.

Die größte Herausforderung der Reise erwartet die Re/Max-Crew jedoch erst nach erfolgreicher Erdumrundung. "Wie bei allen Luftfahrzeugen ist die Phase der Landung extrem kritisch", ahnt Pilot Liniger. Weil die empfindliche Kunststoffhülle im Wert von 140 000 US-Dollar nach einmaligem Gebrauch auf den Müll wandert, haben die Ballonfahrer auf einen Probeflug verzichtet. Nur in der Theorie können sie daher vorausplanen, wie sich das größte bemannte Fluggerät aller Zeiten sicher zu Boden bringen läßt.

Von der Stratosphäre aus muß die Crew die Jumboblase zunächst durch die eisige Tropopause abwärts steuern. Über Ventile können die Piloten das Helium aus der Ballonhülle entweichen lassen. Gegen Ende des Fluges werden sie Ballast in Form kleiner Metallstücke abwerfen, um die enorme Sinkgeschwindigkeit des Ballons zu drosseln ­ kurz vor dem Aufprall soll sie auf rund einen Meter pro Sekunde gesenkt sein.

"Nur wenn wir den Ballon erfolgreich landen, qualifizieren wir uns für den Rekord", sorgt sich Liniger. Wo genau das Gefährt nach erfolgter Erdumkreisung niedergeht, spielt dabei für den Ballonfahrer nur eine untergeordnete Rolle.

"Es ist gut möglich, daß wir den Zielpunkt Alice Springs um ein paar Breitengrade verpassen", sagt Liniger. "Aber irgendwo in Australien werden wir schon runterkommen."

DER SPIEGEL 50/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



© Der Spiegel 34/1998

WEICHLINGE AM MEERESGRUND

Gab es eine einzigartige, später von kambrischen Meeresbewohnern mit Klauen und Kauwerkzeugen ausgelöschte Form von Leben auf der Erde? Oder sind die bis zu 600 Millionen Jahre alten Versteinerungen doch als evolutionäre Frühformen des Tierreichs zu betrachten? - von Philip Bethge

Vor 550 Millionen Jahren glich die belebte Welt einem idyllischen Garten. Aufrecht stehende, blattartige Organismen schaukelten sanft im Tidenstrom der Urmeere. Spiegeleiförmiges, qualliges Leben trieb durch das offene Wasser. In friedlicher Koexistenz tummelten sich an Luftmatratzen erinnernde, schleimgefüllte Lebensformen auf sandigen Meeresböden. Die Bewohner des "Gartens von Ediacara", so beschrieben in einem kürzlich erschienenen Buch* des amerikanischen Geologen Mark McMenamin, waren einst die höchstentwickelten Lebewesen der Erde. Zu Anfang des Kambriums jedoch, vor rund 545 Millionen Jahren, fand das idyllische Zeitalter ein jähes Ende.

"Ein dramatischer Zeitpunkt in der Entwicklung des Lebens", sagt McMenamin, Forscher am Mount Holyoke College im US-Bundesstaat Massachusetts. "Diese Organismen waren weder Pflanzen noch Tiere", so der Geologe. "Unsere Vorfahren aber waren es wahrscheinlich, die sie schließlich ausgelöscht haben."

McMenamin gehört zu einer Handvoll von Forschern weltweit, die in den skurril anmutenden Geschöpfen eine Form von Leben sehen, das "dramatisch anders" war als alles, was sonst jemals auf Erden existierte. "Komplexes Leben ist zweimal entstanden", sagt der amerikanische Wissenschaftler und schürt mit seinen Thesen eine der hitzigsten Debatten der Paläontologie.

Denn weltweit begeben sich Forscher derzeit auf Spurensuche, um den frühen Ursprung des mehrzelligen Lebens womöglich neu zu bestimmen. In jüngster Zeit gemachte Funde versteinerter Organismen in China, Namibia und Mexiko weisen weiter in die Urzeit dieses Lebens zurück als andere je zuvor.

Die bizarren Wesen aus McMenamins paläontologischen Gedankenspiel, nach ihrem ersten Fundort in Südaustralien Ediacara-Organismen genannt, gehören zu den ältesten je gefundenen Fossilien von Mehrzellern. Sie stammen aus Gesteinsschichten mit einem Alter von bis zu 600 Millionen Jahren und zählen damit zu den ersten komplex gebauten Erdlingen überhaupt.

Skurril und fremd sind die Formen, die Wissenschaftler an mittlerweile rund 40 Fundorten weltweit aus der Erde gegraben haben. Charniodiscus etwa gleicht einer Feder, die an einem Ball befestigt ist. Tribrachidium gleicht mit seinen drei speichenartigen Strukturen einem urzeitlichen Mercedes-Stern. Dickinsonia, optisch einem zertretenen, überdimensionalen Kaugummi ähnelnd, fand sich flach und bis zu 90 Zentimeter groß im versteinerten Sand.

In einer frühen Phase ökologischer Unschuld, noch bevor sich die Welt in Jagende und Gejagte teilte, lebten sie auf dem Grund der Urmeere, vermutlich allein genährt durch das Treiben symbiontischer Photosynthese-Mikroben oder durch Nährstoffe im Wasser. Was sie schließlich zu Anfang des Kambriums auslöschte, und wie sie in die Evolution des Lebens einzuordnen sind, ist gegenwärtig umstrittener denn je.

Geradezu als Glücksfall der Paläontologie hatte der Ediacara-Fund von 1946 gegolten. Damals entdeckte der australische Geologe Reg Sprigg eine bis heute einzigartige Ansammlung jener Uraltwesen in den Flinders Ranges in Südaustralien. Die Fachwelt jubelte und vermutete alsbald in der roten australischen Erde die Erklärung für eines der großen Rätsel der Paläontologie.

Es galt, die "kambrische Explosion" zu erklären, einen einzigartigen Vorwärtssprung der Evolution vor rund 530 Millionen Jahren. Gleichsam in einem Schluckauf der Erdgeschichte füllten sich damals in nur wenigen Millionen Jahren die Ozeane mit Repräsentanten fast aller heute bekannten Tierstämme. Quasi über Nacht entstanden die Vorläufer von Muscheln, Krabben und Wirbeltieren. Gepanzertes und kriegerisches Getier übenahm die Führung im Evolutionsgeschehen.

Die Entwicklung ging nach geologischen Maßstäben so schnell, daß sie Forschern bis heute unerklärlich erscheint. Wo waren die Vorläufer der formenreichen kambrischen Tierwelt? Wo blieb die von Darwin geforderte graduelle Fortentwicklung des Lebens? Die neu gefundenen Ediacara-Formen aus dem Präkambrium kamen da gerade recht. Sie paßten als frühe Vorfahren der heutigen Tiere geradezu ideal in die Geschichte der Entstehung des Lebens.

Ein paar Jahrzehnte hielt sich diese stimmig erscheinende Theorie. 1983 jedoch war es der deutsche Geologe Adolf Seilacher, der erstmals Kritik an der Einordnung der Ediacara-Kreaturen in die Tierwelt übte. Zu einfach sei ihr Bauplan, zu ungewöhnlich ihr Lebensstil, argumentierte der Tübinger Paläontolge und ordnete die präkambrischen Weichlinge fortan als "Vendobionten" von Tieren und Pflanzen getrennt in die Evolutionsgeschichte ein.

Als "einzellige Dinosaurier" bezeichnet Seilacher, inzwischen erimitiert, die seltsamen Kreaturen und vergleicht sie mit "wassergefüllten, abgesteppten Luftmatratzen". Nach seiner Ansicht lassen sich weder innere Organe noch Hinweise auf Maul und After bei den Lebewesen finden. Unfähig zu fressen, hätten sie eher wie Pflanzen oder "wurzelähnlich" tief im Sediment gelebt, so Seilacher. "Die Ediacara-Wesen sind einfach zu fremd, um Vorläufer moderner Tiere zu sein", sagt der Paläontologe.

Seilachers Theorie erschütterte nicht nur das Weltbild der Paläontolgie, sondern auch die Grundfesten der Evolutionslehre. Sollte es möglich sein, daß tierähnliches Leben auf der Erde zweifach entstand? Zwar ist die Frage bis heute ungeklärt. Neue Funde jedoch rücken derzeit zumindest einen Teil der Ediacara-Welt wieder näher zu den Tieren.

Russische Forscher haben kürzlich das Ediacara-Wesen Kimberella als Vorläufer heutiger Schnecken und Muscheln eingeordnet. Selbst Seilacher glaubt inzischen, das speichenförmige Tribrachidium sei mit den heutigen Schwämmen verwandt.

Umstritten, weil schwer klassifizierbar, bleiben jedoch Lebewesen wie Glaessnerina, eine bis zu 70 Zentimeter lange, farnblattähnliche Kreatur, oder auch Spriggina, deren Erscheinung mit einer Made verglichen wird, die einen Helm trägt.

Während Forscher wie McMenamin oder Seilacher diese Kreaturen zur Luftmatratzenfraktion rechnen, halten andere Wissenschaftler zum Beispiel Spriggina schlicht für einen Ringelwurm. Der australische Paläontologe Richard Jenkins etwa will Kopf, Darmtrakt, ja selbst feine Hautlappen, die zur Atmung gedient haben könnten, an den steinernen Zeugen erkennen. Andere Formen zeigten zarte Tentakel oder gar Keimdrüsen in ihrem Innern, deutliche Anzeichen für tierisches Leben.

"Ediacara-Wesen haben absolut nichts besonderes an sich", sagt Jenkins, der an der Universität von Adelaide eine der weltweit größten Sammlungen der präkambrischen Weichfauna übersieht. Weil die Ediacara-Organismen in gröberem Sediment eingebettet waren als etwa die kambrische Fauna und zudem weiche Körper hatten, hätten die meisten Forscher die feinen, indes eindeutig tierischen Merkmale bislang übersehen.

"Einige Kollegen scheinen schlicht zu ignorieren, was heute an zoologischem und genetischem Grundwissen vorliegt", so der Forscher, der die frühen Fossilien als Frühformen von Korallen, Gliederwürmern und Quallen deutet. "Es gibt eine kontinuierliche Linie von der Ediacara-Fauna zu modernen Organismen."

Bestätigung findet Jenkins in Funden der jüngsten Zeit, die zeigen, daß sich die Lebenswelten der weichhäutigen Ediacara-Kreaturen und der hartschaligen Tiere des Kambriums zeitlich überschnitten haben. So fanden Forscher um den Paläontologen Sören Jensen kürzlich Ediacara-Fossilien in eindeutig kambrischen Gesteinsschichten - ein Hinweis, daß die Ediacara-Welt doch in die Epoche der kambrischen Explosion hineinreichte. Zudem mehren sich derzeit die Anzeichen, daß die plötzliche Entwicklung tierischen Lebens vor 530 Millionen Jahren möglicherweise gar nicht so explosiv war wie bisher angenommen. Neue Funde zeigen, daß Tiere schon weit vor dem Kambrium parallel zu den Ediacara-Organismen die Erde bevölkerten.

Adolf Seilacher berichtet von Spuren im Sediment grabender Organismen, die kürzlich in Indien gefunden wurden und fast eine Milliarde Jahre alt sein könnten. Chinesische Forscher haben in rund 550 bis 590 Millionen Jahren alten Gesteinsschichten in der Provinz Ginzhou versteinerte Schwämme und sogar tierische Embryonen entdeckt.

Die Blastula genannten Zellkugeln sind typisch für tierisches Leben; der Australier Richard Jenkins wertet sie als eines der stärksten Argumente für die tierische Natur auch der Ediacara-Wesen. Wenn die winzigen Zellkugeln bereits zu präkambrischer Zeit zugegen waren, sei es unsinnig, eine zweite, völlig unterschiedliche Linie von Leben anzunehmen, argumentiert Jenkins. "Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum zum Beispiel Ringelwürmer in der Evolutionsgeschichte zweimal erfunden worden sein sollten", so der Forscher.

US-Geologe McMenamin mag das alles nicht glauben. Er will ganze Entwicklungsserien etwa der plattgedrückten Dickinsonia gefunden haben, die auf eine völlig andere Embryonalentwicklung der frühen Lebensformen hinweisen. Miteinander verknüpfte "Zellfamilien" sichtet McMenamin im präkambrischen Gestein. Nervennetze, ja selbst Gewebe, vollgepfropft mit Sand, seien da zu erkennen, der möglicherweise als Substrat für symbiontische, photosynthetische Mikroben diente.

Erst die Erfindung der hartschaligen Tiere während der kambrischen Explosion habe den wehrlosen Sonderlingen ein jähes Ende bereitet, glaubt der Geologe. Chitinhaltigen Klauen und Kauwerkzeugen hilflos ausgeliefert, seien sie von der frühen Fauna des Kambriums schlicht aufgefressen worden. "Hier ist eine Form von Intelligenz ausgelöscht worden, die sehr sehr anders war, als heutiges Leben", beharrt der Forscher.

Daß sich derartige Experimentierfreudigkeit lebendiger Materie auch außerhalb irdischer Gefilde ausgewirkt haben könnte, liegt für McMenamin auf der Hand.

"Die Ediacara-Wesen sind ein zweites Experiment des Lebens", meint der Wissenschaftler - und öffnet seinen Gedankengang ins Kosmische: "Diese Formen erhöhen dramatisch die Möglichkeit intelligenter Organismen auch auf anderen Planeten."

*Mark McMenamin, The Garden of Ediacara, Discovering the First Complex Life, Columbia University Press, Mai 1998

DER SPIEGEL 34/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



© Der Spiegel 33/1998

EMPFINDSAME ZWIEBEL

Der Penisneid ist unbegründet: Die Klitoris, so zeigt eine neue anatomische Studie, ist viel größer als bislang angenommen - von Philip Bethge

Alice Schwarzer hat es schon immer gewußt, Woody Allen wohl in endloser Frauenangst befürchtet. Die Klitoris ist nicht nur jener "kleine Hügel", den sowohl die Übersetzung aus dem Griechischen als auch der bloße Augenschein uns vorgaukeln will.

Mindestens doppelt so groß wie in gängigen Anatomiebüchern beschrieben, das fanden jetzt Forscher um die australische Chirurgin Helen O'Connell, ist das sensible Organ, und es reicht weit in den Körper hinein. "Wir haben eine Menge Gewebe gefunden, das in keinem der gängigen Anatomiebücher beschrieben ist", so O'Connell im Wissenschaftsmagazin "New Scientist". "Daß man das meiste davon nicht sehen kann, heißt noch lange nicht, daß es nicht da ist."

O'Connell, Urologin am Royal Melbourne Hospital im südlichen Australien, stieß auf die wundersame Vergrößerung des weiblichen Lustgewebes, als sie die Blutbahnen und Nervenstränge des Organs für chirurgische Eingriffe neu zu beschreiben suchte. Zehn Frauenleichen begutachtete die Ärztin, sezierte und fotografierte mit einer 3-D-Kamera deren Unterleib und fand Beeindruckendes.

Bestätigen sich die Erkenntnisse der jungen Chirurgin, geht der von außen sichtbare Teil der Klitoris auf der Innenseite in eine pyramidenförmige Masse von Schwellgewebe, so groß wie ein Daumenglied, über.

Zwei Fortsätze von bis zu neun Zentimeter Länge reichen in die Tiefe des Körpers hinein, verbunden durch zwei weitere zwiebelförmige Schwellkörper, die sich teilweise an die Vorderwand der Vagina anschmiegen. "Die Klitoris ist näher an der Harnröhre und bedeckt einen viel größeren Teil der vorderen Vaginawand, als bislang angenommen", sagt O'Connell. "Der Schwellkörperanteil ist sogar größer als beim Mann."

Wie es zu der krassen Fehleinschätzung des Organs in den meisten der gängigen Anatomiebücher inklusive des Standardwerks "Gray's Anatomy" kommen konnte, ist O'Connell noch unklar. Die Ärztin vermutet, daß in der Vergangenheit vor allem die Leichen älterer Frauen unter den Messern der Anatomen endeten. Sie hatten auch in der australischen Untersuchung kleinere Genitalien als junge Frauen.

Inakkurate Beschreibungen und falsche Illustrationen fand O'Connell jedenfalls zuhauf in den medizinischen Fachbüchern. Mal beschrieben die Texte die weiblichen Genitalien als "dieselben wie bei den Männern, nur von außen nach innen gekrempelt", mal als eine "ärmliche Homologie" des männlichen Gegenstücks. Die genaue Lage der Nervenbahnen oder Blutgefäße, für den männlichen Penis längst ausgiebig beschrieben, fand sich in der Literatur überhaupt nicht.

So hofft die Chirurgin, mit ihren Forschungen vor allem der medizinischen Zunft neues Wissen an die Hand zu geben, das zukünftiges Verstümmeln der nunmehr offiziell gewachsenen Klitoris etwa bei der Hysterektomie, der operativen Entfernung der Gebärmutter, verhindern könnte.

"Bei vielen Operationen nehmen wir Schnitte rund um die Harnröhre vor", sagt Cindy Amundsen, Gynäkologin an der Universität von Houston in Texas. Genau wie die Ärzte bislang männliche Patienten nach einer einschlägigen Operation zu ihrer Erektionsfähigkeit befragen, müßten auch Frauen zukünftig nach vergleichbaren Eingriffen gefragt werden, ob sich ihre sexuelle Empfänglichkeit verändert habe, fordert die Medizinerin.

Auch der Forschung am Sex könnten die neuen Erkenntnisse über das weibliche Lustzentrum zu frischen Einsichten verhelfen, sind sie doch geeignet, die uralte Debatte über den vaginalen und klitoralen Orgasmus neu zu entfachen. O'Connells anatomische Bestimmung der weiblichen Schwellkörper zeigt, daß das innerhalb des Körpers liegende Klitorisgewebe genau dort die Vaginawand berührt, wo der berühmte G-Spot angesiedelt wird.

Die sogenannte Gräfenberg-Zone, ein erogener Lustfleck höchster Rangordnung, der nie eindeutig ausgemacht werden konnte, soll sich in der Nähe der Harnröhrenröffnung befinden und gilt der amerikanischen Sexforscherin Shere Hite seit Jahren als Teil des "klitoralen Komplexes".

Ist also der Unterschied zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus allein davon abhängig, auf welcher Seite die Klitoris gereizt wird? "Durchaus möglich", glaubt der britische Gynäkologe Peter Mason. Noch allerdings wisse man nicht genug über die sexuellen Funktionen der Frau, um sicher zu sein.

Ob hier neuer Stoff für Orgasmus-Seminare heranwächst oder nicht: Für Penisneid ist angesichts der neuen Beschreibung des Organs im femininen Unterleib nun auf alle Zeit wohl kein Grund mehr vorhanden. Und schließlich könnten die neuen Untersuchungen vielleicht sogar dafür sorgen, daß auch der sogenannte U-Spot als erogene Zone zu neuen Ehren kommt.

Ihn hatten amerikanische Orgasmologen 1993 auf der Suche nach dem ultimativen Dauerhöhepunkt in der Harnröhre ausgemacht. Die, so die neuen Erkenntnisse aus Australien, ist an drei Seiten von der Klitoris umgeben.

DER SPIEGEL 33/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags



© GEO SAISON 2/98

AUSTRALIEN? NATÜRLICH

Australiens kleinster Bundesstaat ist eine Insel voller Kontraste - wilde Strände, dichter Regenwald, zerklüftete Bergketten und sanfte, alpine Moorlandschaften mit leuchtend blauen Seen. Tasmanien hat die sauberste Luft der Welt und viel unberührte Natur - von Philip Bethge

Der Wald atmet Feuchtigkeit. Wasser plitscht von Blättern, Holz, von dichtem Moos bewachsen, säumt den schmalen Pfad, und Sonnenlicht sickert durch das Blätterdach. Ossi schreitet voran. Federnden Ganges bahnt er sich den Weg durch Tasmaniens kalten Regenwald, pflückt hier ein Blatt vom Eukalyptusbaum, zeigt dort ein seltenes Gewürm.

Immer tiefer führt der Pfad in die Schlucht hinein, uralte Baumfarne stehen im feuchten Grund, es riecht nach Moder und süßem, edlem Holz. Schließlich die Champagne Falls. Kaskaden von Wasser ergießen sich schäumend in die Tiefe. Wir stehen still mit großen Sinnen.

"And how are we?" sagt Ossi, zerreißt die Andacht, grinst verschmitzt und hat die Antwort doch schon vorgegeben. Gut geht es. Nur gut. Buschige Augenbrauen hüpfen schelmisch über dunklen Augen. Der Eindruck kann nicht täuschen: Hier ist einer, den man glücklich nennen muß.

Erst vor wenigen Stunden habe ich Ossi kennengelernt. In der Kneipe am kleinen Buschflugplatz, oben an der Straße zum Cradle Mountain National Park. Osborne "Ossi" Ellis, Holzfäller, Bergführer, Philosoph und tasmanische Legende. Da saß er, ein Bier auf dem Tisch, Baseballkappe auf dem Kopf, und wir haben geredet. Über sein Leben in den Bergen. Über sein Land, auf dem wir stehen; und ganz am Ende, als ich fragte, wie alt er denn sei, da hat er gesagt: "Achtundsiebzig. Heute." Und hat mit den Augenbrauen gewackelt.

Vor 25 Jahren kam Ossi in die Berge, kaufte das Land rings um den heutigen Cradle Mountain National Park und baute mit eigenen Händen die erste Lodge in den Bergen. "Die Leute haben uns für verrückt erklärt", sagt er. Und ist heute ein reicher Mann. 1984 hat Ossi sein Hotel "Cradle Mountain Lodge" wieder verkauft, lebt seither in einer einfachen Berghütte in der Nähe und freut sich, "daß hier inzwischen so viele interessante Leute herkommen".

Der Cradle Mountain/Lake St. Clair National Park, bereits seit 1922 unter Schutz, ist zum Ziel für jährlich rund 200000 Menschen aus aller Welt geworden ­ mit 126000 Hektar Bergen, Seen, Wäldern und alpinem Moorland eines der großartigsten Wandergebiete der Welt. Wenn das Licht durch die Wolken bricht, wenn die Sonne den Boden und die abgeschälten Rinden der Eukalyptusbäume wärmt, steigt aromatischer Holzduft in die klare Luft.

Der Westen der Insel ist das Reich der Berge. Bis auf über 1600 Meter steigt der Fels, von tiefen Schluchten zerschnitten, in denen klares Wasser schießt. "Wild River Country" sagen die Leute, das Land der wilden Flüsse; ein Paradies für Kraxler, Rafter und alle, die allein bleiben wollen.

Im Norden dann flaches Küstenland und weite Felder. Hier wächst Tasmaniens Wein, Chardonnay, Pinot noir und Riesling von ausgesuchter Qualität, aromatisch, fruchtig und mit hohem Säureanteil. Die Winzer vergleichen das Land mit dem französischen Burgund und der Champagne; und heimsen Preise ein für ihre Reben.

Im Osten schließlich liebliche Strände und sanfte Hügelketten. Mal Schwarzbunte auf fetten, grünen Weiden, mal karges, vom Meer geformtes Land. Hier ist Tasmanien seidig und warm, die Orte klein und freundlich. St. Helens, Bicheno, Swansea, Orford ­ der Weg entlang der Küste ein Genuß. Nach langer Fahrt auf gewundenen Straßen erreiche ich Coles Bay. Die "Hazards", mächtige Granitformationen des Freycinet National Park, türmen sich am Horizont. Schwarze Schwäne schaukeln auf kleinen, rippeligen Wellen.

"Ich esse mindestens ein Dutzend Austern am Tag" ­ Andrea Cole, braungebrannt, mit lebensfrohen Augen, sagt's und teilt ein Muscheltier gekonnt in beide Hälften. Sie ist Austernzüchterin mit Leidenschaft. Früher war sie Krankenschwester. Heute bringt sie im sauberen Wasser der Great Oyster Bay die tasmanische Angasiauster zur wahren Größe. "Starkes Aroma, kräftiger Nachgeschmack." Eigentlich zu schade für Sydneys Luxusrestaurants.

Zwei Jahre dauert die Aufzucht, Andrea sortiert jedes Tier sechsmal von einem Netz ins nächste, bis aus einer Muschel von der Größe eines Fingernagels eine stattliche, untertassengroße Auster herangewachsen ist. "Dazu einen guten Roten und dann mit dem Schiff auf die Bucht hinausfahren und den Sonnenuntergang genießen", schwärmt sie. "Quite specy" sei das ­ sehr speziell, was höchstes Wohlbefinden meint.

Vom Wetter verwöhnte Hände reichen mir ein Exemplar zum Kosten. Zuerst schmecke ich nur kühles Wasser. Dann gleitet das Fleisch den Gaumen hinab, roh und weich. Meer macht sich auf der Zunge breit, mit Salz und Algen. Und ich denke an Wellen; an brechende Schaumwände und kreischende Möwen; an fliegendes Wasser und an den scharfen Wind.

3200 Kilometer Küstenlinie hat Tasmanien: die sanften Strände des Ostens, die mächtigen Klippen der Tasman-Halbinsel im Süden, wo sich der Indische Ozean mit dem Pazifik vereint, die riesige Ocean Beach bei Strahan im Westen, salzgeschwängert und rauh wie Nordseestrand bei Sturm.

Hier bearbeiten die Roaring Forties ununterbrochen die Insel, starke Winde von Südwest, die schon die ersten Europäer nach Tasmanien bliesen. Am 24. November 1642 erreichte der holländische Entdeckungsfahrer Abel Tasman das später nach ihm benannte Eiland, umschiffte die Insel im Süden, nahm kurz Wasser auf und fuhr weiter nach Neuseeland.

1777 war es dann James Cook, der in der Adventure Bay vor dem heutigen Bruny Island Anker warf. Ab 1804 wurde die Insel zur Sträflingskolonie des britischen Königsreichs, eine dunkle Geschichte, die sich beispielsweise in den Ruinen der alten Sträflingskolonie von Port Arthur im Süden der Insel noch erleben läßt und bis heute nachwirkt.

"Es ist in Tasmanien mittlerweile ziemlich in, von Sträflingen abzustammen", sagt Louise Archer. Ihre Familie lebt schon in der siebten Generation auf der Insel und hat die gesamte Kolonialgeschichte mitgemacht ­ für australische Verhältnisse eine unvorstellbar lange Zeit. Die Archers kamen einst als freie Siedler nach Tasmanien und bewirtschaften bis heute ihren Hof in den weiten Ebenen der Midlands, eines Landstrichs in der Mitte der Insel, auf einer Linie mit der Hauptstadt Hobart im Süden und der zweitgrößten Stadt der Insel, Launceston, im Norden. Altenglische Rosen, atlantische Zedern und gewaltige englische Eichen künden hier von langer Tradition. Weißdornhecken säumen die Felder.

"Born and bred", geboren und aufgewachsen, auf der Insel, das ist ein Gütesiegel, das die Tasmanier mit Stolz tragen. "Ich bin mit dreiviertel der Insel verwandt", sagt Louise, meint das aber nicht ganz so ernst wie die mainlanders, die Leute vom australischen Festland, die Tasmaniern zwei Köpfe und die Intelligenz von Schafen nachsagen. Das Handy am Hosenbund, hat sie für ihre Familie nach über 150 Jahren Landwirtschaft den Tourismus als Erwerbszweig entdeckt. Zwei "colonial cottages" gibt es schon auf Hof Brickendon, kleine Steinhäuser mit dem Charme längst vergangener Zeiten.

Freundliche Menschen sind die Tasmanier, hilfsbereit und weltoffen. Man hat Zeit auf dieser Insel, trinkt eisern eiskaltes Bier, ernährt sich vorwiegend vom Grill und weiß trotz australischer Lässigkeit die Traditionen hochzuhalten. England und die Queen sind geographisch fern, auf der anderen Seite der Welt ­ und doch allgegenwärtig, zum Beispiel in Hobart auf dem "Royal Tennis Court" von 1831, im ebenfalls königlichen "Tasmanian Golf Club" oder, ganz unsportlich, beim white tea im historischen "Lenna Hotel"
in Hobarts Stadtteil Battery Point.

Diese einzigartige Mischung aus Geschichte und atemberaubender Natur ist es wohl, die Tasmanien so faszinierend macht ­ und dieser Hauch von Merkwürdigkeit, der die Insel umgibt. Da rankt sich etwa die mit geschätzten 43000 Jahren älteste lebende Pflanze der Welt durch den Regenwald; da wächst der süßduftende Sassafras, ein nur auf Tasmanien heimischer Baum mit wunderschönem Holz; da schickt nächtens der räuberische Tasmanische Teufel seine markerschütternden Schreie durch die Wälder.

Zwergpinguine, kaum 40 Zentimeter groß, wakkeln in der Dämmerung mit abgespreizten Stummelflügeln die Strände des Ostens und Nordens entlang und senden ihren an Eselsschreie erinnernden Gesang in die Nacht. Schnabeltiere, Chimären aus Enten und Bibern gleich, jagen in fast jedem Tümpel. Wer etwa an einem der Seen des Mount Field National Park lange genug still in der Dämmerung sitzt, wird erleben, wie sich plötzlich konzentrische Kreise auf der Wasseroberfläche bilden und im nächsten Moment ein haariges Wesen auf dem Wasser treibt: der Platypus, märchenhaftes Mischwesen, eierlegend und doch seine Jungen säugend, scheu und schön und einzigartig.

Die Tasmanier haben inzwischen erkannt, was ihr Erbe für die Zukunft wert ist. Rund ein Viertel der Insel ist heute Nationalpark. 14,2 Quadratkilometer Land sind seit 1983 als Weltnaturerbe unter Schutz gestellt. Die entlegenen Ecken der Insel erreicht man nur mit dem Flugzeug oder nach tagelangem bushwalk.

Ich wähle den engen Kabinenraum einer Cessna 206, um in ein weiteres Abenteuer zu starten. Nach halbstündigem Flug von Hobart mit Kurs Südwest liegt Melaleuca unter uns, zwei Hütten und eine Landebahn inmitten absoluter Einsamkeit ­ der Southwest National Park, 403000 Hektar rauhes, gebirgiges Land, menschenleer und gewaltig. Aussteigen, gucken, riechen, sich klein und nichtig fühlen und der Unendlichkeit beim Unendlichsein zuhören.

Ossi Ellis will hier vor ein paar Jahren sogar Spuren des Tasmanischen Tigers entdeckt haben, eines gestreiften, hundeähnlichen Beuteltiers, das längst als ausgestorben gilt. Am Abend treffe ich Ossi wieder, mitten im tasmani-schen Bergwald in der "Lemonthyme Lodge", einer der schönsten Unterkünfte der Insel. Bei Rinderstreifen in Balsamico, tasmanischem Lachs mit Apfel-Zwiebel-Kruste und Chardonnay trägt er zur weiteren Legendenbildung um den gestreiften Räuber bei.

Später stehen wir dann auf der hölzernen Veranda der Lodge, sehen den Tieren der Nacht beim Abendmahl zu und lauschen auf die Töne des Waldes. Das Kreuz des Südens klettert in den Himmel, Blätter rascheln, der aromatische Duft tasmanischen Holzes steigt in die Nase, und wir starren lange geradeaus in die Dunkelheit.

"How are we?" sagt Ossi irgendwann und wackelt mit den Augenbrauen. Gut geht's uns Ossi. Saugut.



© Der Spiegel Nr. 5 vom 26.01.1998

TIERE - NERVENKITZEL IN DER KREIDEZEIT

Forscher haben den Schlaf des australischen Schnabeltieres untersucht. Ihre Frage: Wie entstand das Träumen? - von Philip Bethge

Der größte aller Träumer schläft unter Tage. Zwischen Wurzelwerk und feuchtem Humus rollt er sich ein, steckt seinen Schnabel unter den haarigen Schwanz und schließt die dunklen Augen.

Sobald er eingenickt ist, flackern Blitze durch sein ruhendes Gemüt. Neuronen feuern, das Stammhirn spielt verrückt, die Augäpfel zucken wild hinter den Lidern. "Rapid eye movement" (REM) nennen die Experten dieses Phänomen. Die Rede ist vom Schnabeltier.

Das eierlegende Unikum, eine Art Chimäre aus Ente und Biber, hat aufs neue der Wissenschaft eine Überraschung beschert. Australische und amerikanische Forscher sind dem bizarren Geschöpf bis in den Schlaf gefolgt. Ergebnis: Schnabeltiere sind Weltmeister im Träumen.

Bis zu 60 Prozent ihrer Schlafenszeit, so fanden die Wissenschaftler um den amerikanischen Neurophysiologen Jerome Siegel heraus, verbringen die possierlichen Tiere in einem Zustand, den die Biologen als REM-Schlaf bezeichnen und der beim Menschen mit lebhaften Träumen einhergeht.

Damit übertrifft Ornithorhynchus anatinus, so sein wissenschaftlicher Name, alle anderen Säugetiere bei weitem. Durch die Entdeckung des Augapfelzuckens beim Schnabeltier, resümiert Siegel, werde die Vorstellung vom Träumen korrigiert: "Der REM-Schlaf scheint seine Wurzeln in einer lebensnotwendigen, primitiven Gehirnfunktion zu haben."

Bisher schien der traumerfüllte Schlafzustand ausschließlich höheren Säugetieren und Beuteltieren vorbehalten; jetzt wurde mit dem Schnabeltier ein Primitivling unter den Säugern beim nervösen Augenflackern erwischt. Vorläufer dieses seltsamen Mischwesens haben schon in der Kreidezeit die Sedimente der Gewässer nach Kleingetier durchsiebt.

Auf bis zu 250 Millionen Jahre, folgert Siegel, sei das evolutionäre Alter des REM-Schlafs zu schätzen. Der erste Traum der Weltgeschichte wird damit um gut 100 Millionen Jahre vorverlegt.

Den Zugang zum bislang kaum erforschten Schnabeltierschlaf bahnten sich Siegel und seine Kollegen mit einem eigens konstruierten Schwimmtank. Untergebracht in einer Wohnhöhle und durch ein Drahtgeflecht abgeschirmt gegen Störungen ihres einzigartigen elektrischen Sinns im Schnabel, verhielten sich die Probanden vorbildlich. Trotz implantierter Sensoren zur Messung der Gehirnströme schliefen sie mehr als 13 Stunden täglich. Danach war klar, daß der REM-Schlaf der rund drei Pfund schweren Traumtänzer zumindest teilweise dem höherer Säuger gleicht.

Wie auf träumerischer Beutesuche bewegten sich ihre Schnäbel mal nach rechts, mal nach links. Die Gliedmaßen führten Schwimmbewegungen aus. Auch unregelmäßigen Herzschlag und Muskelzucken bemerkten die Gelehrten.

Das Hirn jedoch verhielt sich anders als dasjenige von Ratte oder Mensch. Während sich bei diesen der REM-Schlaf auch durch erhöhten Nervenkitzel in den vorderen Regionen des Gehirns bemerkbar macht, blieb das Feuerwerk im Kopf des Schnabeltiers auf das Stammhirn, den ältesten Hirnteil, beschränkt.

"Wahrscheinlich existiert dieses Phänomen sogar schon bei Reptilien", vermutet Siegel. Um diese Hypothese zu prüfen, will er demnächst auch den Schlaf der Lurche überwachen. Selbst Dinosaurier, so Siegel, könnten theoretisch im Reich der Träume heimisch gewesen sein.

Das Ergebnis der Schnabeltier-Studie wirft auch neues Licht auf den möglichen Sinn des nächtlichen Hirnkinos. Galt Sigmund Freud der Traum als "Königsweg zum Unbewußten", hielten ihn andere Forscher für eine Art Radiergummi der Seele, der überflüssige Informationen im Gehirn auslöscht. Neuere Theorien wie die des US-Forschers Jonathan Winson gehen davon aus, daß beim Träumen Gedächtnisinhalte aufgearbeitet und verstärkt werden, im Traum also gleichsam gelernt wird.

Die am entenschnabeligen Uralt-Säuger gewonnenen Erkenntnisse könnten jetzt darauf hinweisen, daß die ursprüngliche Funktion der schlafbegleitenden Hirnakrobatik eine andere war. "Vielleicht müssen sich die Nervenrezeptoren im Stammhirn regenerieren", vermutet Siegel.

Ob auch Schnabeltiere schon bildhaft träumen, bleibt einstweilen ungewiß. Denn ihr Großhirn, Ursprungsort der menschlichen Traumgespinste, bleibt stumm. Dennoch spekuliert Siegel schon darüber, was sich hinter den geschlossenen Lidern seiner Schützlinge abspielen könnte: Sehen sie Würmer, groß wie Pommes frites? Oder träumen sie vom Ritt auf schäumenden Bergbächen und dunklen Wasserstrudeln, die sie unabwendbar in die Tiefe ziehen?

"So wie sich das Tier im Schlaf bewegt", sagt der Forscher, "vermute ich, daß es träumt, es sei auf der Jagd."



© Die Woche Nr. 6 vom 5.02.1998

"RASSISTISCHER ABSCHAUM"

Wem gehört Australien? Seit örtliche Gerichte den Aborigines zugestanden haben, dass das Land vor Captain Cooks Ankunft 1788 nicht "leer" war, tobt ein erbitterter Streit - um 79 Prozent des Kontinents - von Philip Bethge

Wik-Index - The Age

Seit Georg Rosendale denken kann, hat er das Land seiner Urgroßväter nur aus der Ferne betrachten dürfen. "Die Weißen" haben ihm verboten, die Missionsstation Hopevale zu verlassen. "Die Weißen" haben ihn zu einem "Niemand" gemacht. "Ich bin um mein ganzes Leben betrogen worden", sagt der 68-jährige Aborigine und lässt seinen Blick über die sandigen Hügel in der Ferne wandern. "Doch heute habe ich mein Land zurückgewonnen."

Hopevale und der Kampf seiner Aborigines, die hier über Jahre wie Vertriebene im eigenen Land leben mussten, gehen in die Geschichte Australiens ein. Denn der Landstrich um die kleine Missionsstation ist eines der ersten Stücke des fünften Kontinents, die nach langen juristischen Grabenkämpfen wieder in die Hand der Urbevölkerung übergehen. Und damit erhält eine Debatte neue Nahrung, die Australien auf eine harte Probe stellt.

Eine Gerichtsentscheidung von 1996 - der "Wik-Fall" - hat die Eigentumsverhältnisse von mehr als drei Vierteln des Kontinents in Frage gestellt. Farmer fürchten plötzlich um ihr Land, Minenunternehmer um ihre Gewinne, ganz normale Australier um ihre Gärten. Wie niemals zuvor in der knapp 200-jährigen Geschichte des weißen Australien wird derzeit über die Rechte der schwarzen Minderheit und die Vergangenheit diskutiert, werden alte Wunden aufgerissen und neue geschlagen.

"Die Nation erlebt einen Augenblick der Wahrheit", sagt Patrick Dodson, einer der profiliertesten Schwarzenführer des Landes. Die Regierung muss es sich gefallen lassen, von Schwarzenführern wie dem Anwalt Noel Pearson als "rassistischer Abschaum" bezeichnet zu werden. Im Gegenzug betiteln rechte Politiker wie Senator Ross Lightfoot die Schwarzen als "niedrigste Rasse der Zivilisation". Wütende Farmer aus dem Norden sollen sich schon mit chinesischen SKS-Sturmgewehren eindecken, um ihr Land notfalls mit Waffengewalt gegen die Eingeborenen zu verteidigen.

Die juristische Vorgeschichte der heutigen Krise begann vor fünf Jahren. Edward Koiki Mabo, ein charismatischer Schwarzer von den Murray Islands, einer Inselgruppe nördlich des australischen Kontinents, war ausgezogen, um sich das Recht auf sein Land zu erstreiten. Er hatte Erfolg: Am 3. Juni 1992 bestätigte ihm Australiens High Court, dass seine Vorfahren die Insel schon Hunderte von Jahren vor der Landung Captain Cooks 1788 bewohnt hätten und somit die rechtmäßigen Besitzer seien. Der juristische Begriff der terra nullius, des leeren und deshalb frei besiedelbaren Landes, war damit nicht mehr anwendbar auf Australien; das Erbrecht der Ureinwohner auf ihr Land wurde bestätigt - der native title war geboren.

Bis heute hat dieses Urteil weit reichende Folgen. Galt es zunächst nur für unverpachtetes Staatsland, so dehnten weitere Gerichtsbeschlüsse die Rechte der Eingeborenen noch aus - insbesondere der "Wik-Fall", benannt nach dem Stamm der klagenden Aborigines. 1996 entschied der Oberste Gerichtshof, dass der native title zwar Pachtverträge von Farmern nicht auslöschen, mit diesen aber sehr wohl "koexistieren" könne. Seither dürfen sich die Ureinwohner das Recht erstreiten, auf vom Staat gepachtetem Farmland zu jagen, zu fischen oder zu ihren heiligen Stätten zu pilgern. Im Bauernstaat Australien ist das politischer Sprengstoff. Schließlich summiert sich die theoretisch von der neuen Rechtslage betroffene Fläche auf rund 79 Prozent ganz Australiens, so eine kürzlich erstellte Karte des Bureau of Resource Sciences in Canberra.

Australiens Premier John Howard nutzt diese Karte seither als Bedrohungsszenario. Den verängstigten Farmern und Minenunternehmern, die um ihr Land und ihre Nutzungsrechte fürchten, verspricht er Sicherheit und drängt auf Ergänzungen zum "Wik-Gesetz": Gegen Kompensationszahlungen solle der native title auf vielen Flächen für immer ausgelöscht werden. Darüber hinaus will er den Aborigines das Recht nehmen, über die Nutzung des Landes - beispielsweise für den Bergbau - mitzuverhandeln. "Das Pendel ist zu weit in Richtung der Schwarzen ausgeschlagen", fand der Premier. "Wir stehen am Rande eines legalen Apartheidsystems", warnt dagegen Noel Pearson, Vorsitzender des Cape York Land Council und einer der Verhandlungsführer der Aborigines. Das von Howard geplante Gesetz schaffe ein Zweiklassensystem der Landtitel: auf der einen Seite der native title, der ausgelöscht werden könne, und auf der anderen die unangreifbaren Pachtverträge der Weißen. "Das ist Diskriminierung", sagt der Anwalt.

Das Erbe von 200 Jahren Kolonialgeschichte löscht sich nicht leicht. Noch immer sterben schwarze Australier durchschnittlich 15 bis 20 Jahre früher als weiße, die Säuglingssterblichkeit der Schwarzen ist zwei- bis viermal höher, 39 Prozent der Aborigines sind arbeitslos (Weiße 8,5 Prozent); 40 Prozent der schwarzen Haushalte haben nicht genug Einkünfte, um Essen und Strom zu bezahlen.

"Die Situation unseres Volkes ist nur vergleichbar mit der von Menschen in Dritte-Welt-Ländern", sagt Barbara Flick, Leiterin der Gesundheitsorganisation Apunipima Cape York Health Council. "Viele von uns besitzen nur eine Matratze, die sie nachts unter ein Wellblechdach legen." Selbst Fälle von Lepra träten immer wieder auf, Müllabfuhr und Wasserversorgung seien zum Teil katastrophal. "Dieses Land sollte sich dafür schämen, wie es unser Volk behandelt", sagt Flick.

Tatsächlich haben die Weißen den Schwarzen in den zwei Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte fast alles genommen. Als 1788 die Besiedelung Australiens durch die Briten begann, lebten die Ureinwohner bereits seit mindestens 45 000 Jahren auf dem Kontinent. In rund 650 Stammesgruppen, jeweils mit eigenem Territorium, eigener Kultur und oft auch eigener Sprache, zogen sie im Rhythmus der Jahreszeiten über ihr Land. Ein hochkompliziertes System von Verhaltensregeln erlaubte es ihnen, im Einklang mit der Natur zu leben und Tiere und Pflanzen nachhaltig zu nutzen.

Mit der Ankunft der Weißen begann ihr Niedergang. Die Neuankömmlinge nahmen den Schwarzen das Land, zwangen sie zur Arbeit auf ihren Farmen und pferchten sie in Strafkolonien oder Missionsstationen. Die Invasoren brachten neue Drogen und Krankheiten mit. Die Folgen waren verheerend: Ende des 19. Jahrhunderts lebten etwa in Queensland nur noch rund 15 000 der ehemals an die 120 000 Ureinwohner.

"Ich habe meine Sprache verloren, ich habe mein Land verloren. Die Weißen haben mir meine Freiheit gestohlen", sagt Peter Costello aus Hopevale. Der 84-Jährige wurde als Kind aus seiner Heimat verschleppt. "Wir wurden aneinander gekettet und mussten tagelang laufen", erzählt er. "Dann haben sie mich von meiner Mutter getrennt. Ich habe sie nie wieder gesehen." Neun Jahre alt, musste er auf einer Missionsstation aufwachsen. Costellos Schicksal ist kein Einzelfall. Fast ein Drittel aller eingeborenen Kinder, insgesamt rund 100 000, wurden von 1910 bis 1970 gewaltsam ihren Eltern weggenommen und in weißen Einrichtungen großgezogen, so das Ergebnis einer im April 1997 veröffentlichten Studie.

Der Bericht, verfasst von der australischen Human Rights and Equal Opportunity Commission, erschütterte die Nation und konfrontierte das weiße Australien mit der eigenen Vergangenheit. Ein neuer Begriff wurde für die verschleppten Aborigine-Kinder geprägt: stolen generation, die gestohlene Generation. "Ich habe keinen Zweifel, dass es sich um einen Genozid handelt - die Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, um eine Kultur auszulöschen", sagt Sir Ronald Wilson, Präsident der Kommission.

Berichte wie dieser haben viele Australier nachdenklich gemacht. Inzwischen setzten sich Prominente aus Kultur und Gesellschaft für die Rechte der Aborigines ein; Armbänder mit der Aufschrift "Koexistenz, Gerechtigkeit, Aussöhnung" verkaufen sich in den Großstädten wie warme Semmeln. Doch die Regierung des konservativen Premiers Howard zeigt sich unerbittlich. Obwohl die Popularität des Regierungschefs derzeit historische Tiefstände erreicht hat, konnte sich Howard bisher nicht zu einer offiziellen Entschuldigung an die stolen generation durchringen. Laut Umfragen würden aber rund zwei Drittel der australischen Bevölkerung diese symbolische Geste begrüßen.

Auch in der gegenwärtigen Debatte um den native title droht der Premier ins politische und gesellschaftliche Abseits zu geraten. Die Australian Law Reform Commission hat bereits im vergangenen September gewarnt, dass die von Howard geforderten Ergänzungen zum "Wik-Gesetz" "Australiens internationale Menschenrechtsverpflichtungen brechen" könnten. Die Kirchen des Landes haben sich geschlossen gegen den Premier gestellt. Und kürzlich stimmte der australische Senat eines der Herzstücke des neuen Howard-Gesetzes nieder; die Mehrheit der Senatoren war nicht bereit, den Aborigines das Recht zu nehmen, über die Nutzung ihres Landes mitzuentscheiden.

Nun wird im kommenden März erneut über "Wik" verhandelt. Scheitert das Howard-Gesetz wieder, will der Premier Senat und Repräsentantenhaus auflösen und Neuwahlen ausrufen. Den folgenden Wahlkampf will John Howard dann in einen Feldzug gegen den native title verwandeln. Eine Entscheidung, die selbst bei seinem Koalitionspartner für Kopfschmerzen sorgt: "Ich fühle mich, als würden wir in Zeitlupe vom Kliff springen", sagt ein Mitglied der Liberal Party, "eine Wahl, in der die Rassenfrage zum Thema wird, ist politischer und sozialer Selbstmord."



© Berliner Zeitung 30/4/98

KORALLENBLEICHE BEDROHT RIFFE AUF DER GANZEN WELT

Die bunten Meeresorganismen leiden unter zu hohen Wassertemperaturen. Diese haben mit El Niño zu tun, aber vielleicht auch mit dem Treibhauseffekt - von Philip Bethge

Seit über siebenhundert Jahren ruht "Bruder Tuck" auf dem Grund des azurblauen Meeres vor Townsville an der Nordostküste Australiens. Das Wasser ist angenehm warm und klar, und normalerweise findet die farbenfrohe Steinkoralle, von Forschern des Australian Institute of Marine Science (AIMS, australisches Institut für Meereswissenschaften) mit dem ungewöhnlichen Kosenamen versehen, dort ideale Lebensbedingungen.

Doch in diesem Jahr überzieht ein unnatürliches Weiß den gut drei Meter großen Koloß.Bruder Tuck ist krank. Und die Koralle, eine Kolonie von Millionen millimetergroßen Korallentierchen, ist kein Einzelfall.

Im Mittelmeer und im Indischen Ozean, in der Karibik, im Pazifik und im Roten Meer werden Riffe derzeit von Korallenbleichen heimgesucht."Die Situation ist ernst", sagt AIMS-Zoologe Terry Done aus Townsville."Möglicherweise kommt da eine der schlimmsten Bleichen seit langer Zeit auf uns zu."

Done und seine Mitarbeiter haben in den letzten Wochen eine systematische Bestandsaufnahme der australischen Riffe vor Townsville vorgenommen. Ergebnis der Sichtung: Rund 80 Prozent der Korallen im küstennahen Bereich sind von der Krankheit betroffen. Etwa 1 100 Kilometer des inneren Riffgürtels zeigen Anzeichen der Bleiche."Die schwersten Schäden sind in den flachen Riffbereichen entstanden", so der Meeresforscher. Viele Korallen würden fluoreszierend pink und blau leuchten oder hätten ihre Farbe gänzlich verloren.

Als Ursachen der Krankheit vermuten die australischen Forscher die ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen des vergangenen australischen Sommers und einen niedrigen Salzgehalt im Meerwasser. Sintflutartige Regenfälle über dem tropischen Nordosten Australiens im Januar hätten das küstennahe Meereswasser stark verdünnt, berichtet Lyndon De Vantier, Korallenexperte des AIMS.In den folgenden Wochen seien die Wassertemperaturen von normalerweise 28 auf gut 32 Grad Celsius gestiegen für die filigranen Meeresbewohner ist das lebensbedrohlich.

Denn die winzigen Tiere sind auf konstante Umweltbedingungen angewiesen. Schon ein Anstieg der Wassertemperatur um nur zwei Grad Celsius könne schwere Schäden bei ihnen hervorrufen, so De Vantier. Durch Hitze gestreßt, stoßen die Korallentierchen die mit ihnen in Symbiose lebenden Algen, sogenannte Zooxanthellen ab. Die Algen versorgen die Korallen normalerweise mit zusätzlichen Nährstoffen und Sauerstoff. Ohne Zooxanthellen verlieren die Korallen ihre Farbe und sterben innerhalb von etwa drei Wochen ab. Das Riff es ist ganz und gar aus den Kalkskeletten der Korallen aufgebaut droht zu zerfallen.

Die ersten Anzeichen des bevorstehenden Korallensterbens ließen sich schon Ende Januar von Satellitenkarten der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA, Behörde für Ozeanographie und Atmosphäre) ablesen. Die US-Klimaforscher hatten Gebiete mit ungewöhnlich warmem Oberflächenwasser um das Galapagosarchipel und vor der Küste Ecuadors ausgemacht. Ende Februar zeigten sich die korallenfeindlichen Warmwassergebiete auch vor der Ostküste Australiens.

Zunächst führten die NOAA-Forscher die erhöhten Wassertemperaturen auf das Wetterphänomen "El Niño" zurück, das derzeit die pazifische Welt im Griff hat und mit erhöhten Temperaturen und Trockenheit in weiten Teilen des Pazifiks sowie mit sintflutartigen Regenfällen an der Westküste Südamerikas einhergeht. Schon beim extremen El Niño von 1982/83 starben, so die NOAA, 70 bis 95 Prozent der Korallen in Costa Rica, Panama, Kolumbien und auf den Galapagosinseln. Damals seien die Wassertemperaturen indes "nicht annähernd so hoch gewesen wie in diesem Jahr", warnte NOAA-Forscher Al Strong im Februar.

Weil die diesjährige Korallenbleiche auch karibisches und atlantisches Korallengetier befällt, fürchten Wissenschaftler mittlerweile jedoch, daß nicht nur El Niño, sondern ebenso der globale Treibhauseffekt schuld am Korallensterben sein könnte. Und ein Report des "United Nations Environment Programme" vom letzten Jahr rechnet als Folge des weltweiten Klimawechsels nicht nur mit erhöhten Lufttemperaturen. Auch die Oberflächentemperatur der Meere werde in den nächsten Jahrzehnten ansteigen, so die Vorhersage der Experten.

Zudem warnt der Report vor möglichen Veränderungen in der Zusammensetzung des Meereswassers. Ständig zunehmende Kohlendioxid-Emissionen könnten langfristig zu erhöhten Kohlendioxid-Konzentrationen im Meer führen. Den Korallenriffen, durch hohe Wassertemperaturen, zunehmend schlechte Wasserqualität und intensiven Schnorcheltourismus ohnehin schon geschwächt, würde dies wahrscheinlich endgültig das Rückgrat brechen."Sie könnten ihre Fähigkeit verlieren, ein festes Kalkskelett zu bilden", befürchtet der Australier Done. Mehr Kohlendioxid bedeute mehr Kohlensäure im Wasser, die den Kalk der Korallenskelette auflöse oder seine Bildung verhindere."Bislang haben wir geglaubt, daß sich die globale Erwärmung nicht auf die Riffe auswirken wird", so Done."Das könnte sich jetzt als Irrtum herausstellen.

"Ob die diesjährige Korallenbleiche langfristige Schäden an den Korallenriffen hervorrufen wird, können die Wissenschaftler derzeit allerdings noch nicht sagen. Noch beschränken sich die Schäden, etwa vor der Küste Australiens, auf den inneren Riffgürtel. Das mittlere und äußere Riff, Ziel zahlloser Tauch- und Schnorchelfahrten, ist bislang kaum betroffen. Für das innere Riff hoffen die Experten jetzt auf kühleres Wetter, damit sich die streßgeplagten Korallen erholen können. Denn obschon die Korallenbleiche derzeit besonders ausgeprägt ist, tritt die Krankheit doch regelmäßig auf und verschwindet auch wieder.

Einen Hinweis auf die langfristige Bedeutung des diesjährigen Ereignisses erhofft sich Meeresforscher Done von Korallen wie Bruder Tuck."Er war schon 500 Jahre alt, als Captain Cook 1771 vorbeisegelte", sagt der Forscher."Wenn Bruder Tuck stirbt, haben wir es mit einer Wetterkonstellation zu tun, die alles bislang Dagewesene in den Schatten stellt."



© Der Spiegel 32/1998

FRIEDHOF DER KNUDDELBÄREN

Im Südosten Australiens fressen Koalas die Wälder kahl. Experten raten zur Jagd. Doch Politiker fürchten um das Image des Landes, Tourismus-Unternehmen um ihren Umsatz - von Philip Bethge

Karte - derzeitige Verbreitungsgebiete der Koalas in Australien

Still und schweigend steht der Wald. Kein Blatt regt sich an den Manna- und Sumpf-Eukalypten entlang dem Hopkins River in der Nähe des australischen Dorfes Framlingham. Wie ein Scherenschnitt zeichnet sich die Silhouette nackter Stämme und Äste vor dem Horizont ab.

Kein Buschfeuer ist schuld am Blättermangel im Eukalyptuswald. Hier, im Südwesten des Bundesstaates Victoria, hat "Phascolarctos cinereus", der "Aschgraue Beutelbär", besser bekannt unter dem Namen Koala, ganze Arbeit geleistet.

Innerhalb weniger Jahre hat der Kuschelbär den Wald zerstört - und sich selbst gleich miterledigt. "Eine doppelte Katastrophe", sagt Bäuerin Gillian Blair, deren Land an den Hopkins River grenzt. "Erst gehen die Bäume kaputt, dann verhungern die Koalas." Mehrere tausend Tiere, schätzt Blair, gleichzeitig Sprecherin der lokalen Umweltschutzgruppe, seien in den letzten zwei Jahren im Wald von Framlingham gestorben. "Einige von ihnen waren so schwach, daß sie aus den Bäumen gefallen sind."

Fast ausschließlich Eukalyptusblätter stehen auf dem Speiseplan des Beutelbärs. Davon aber vertilgt er täglich rund ein Kilogramm. Im gesamten Südosten Australiens vermehren sich die Tiere rapide und rupfen auch noch die letzten Blätter von den Bäumen. "Die Zahl der Koalas verdoppelt sich in einigen Gebieten in weniger als drei Jahren", klagt Roger Martin von der Monash University in Clayton. "Wenn wir nicht bald handeln, droht Tausenden von Tieren der Hungertod."

Martin ist einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Koala-Forscher Australiens. Seit Jahren fordert der bärtige Zoologe die Koala-Jagd - und zieht damit den Zorn von Tierschützern wie Politikern auf sich. Denn der Beutelbär ist für die Australier kein gewöhnliches Tier. Es geht um Tourismus-Dollar und internationales Ansehen, vor allem aber um die anrührende Wirkung des plumpen, plüschohrigen Knuddeltiers. "Koalas abschießen", erklärt Martin, "ist wie Pandas oder Kinder töten."

Jahrelang zog es die Regierung von Victoria vor, die Klagen der Bewohner von Framlingham zu überhören. Erst als tote Bäume und stinkende Koala-Leichen nicht mehr zu leugnen waren, sah Umweltministerin Marie Tehan Handlungsbedarf. Seit März dieses Jahres mühen sich Freiwillige der Umweltschutztruppe "Green Corps" und Mitarbeiter des Ministeriums, einige der Tiere in anderen Wäldern anzusiedeln.

Mit schrillem Kreischen, dann wieder mit kehligem Röhren protestiert ein Koala, wenn er in seiner trägen Tagesruhe gestört wird. Haben die Koala-Fänger von Framlingham eines der nachtaktiven Tiere im kargen Blattwerk geortet, treiben sie den schläfrigen Beutler durch Hinundherwedeln einer an einer langen Stange angebrachten Fahne den Baum hinab. Mit Bergsteigerausrüstung gesichert, wartet auf halbem Wege einer der gut trainierten Häscher und zieht eine Schlinge um den Hals des Koalas. Einmal an der Angel, wird das Tier langsam den Baum hinabdirigiert.

Rund 860 Exemplare haben die Koala-Fänger bereits in eine neue Heimat gebracht. Weitere 140 sollen folgen. Doch selbst die, die hier arbeiten, glauben nicht an den Sinn der Aktion. "Zu wenige, zu spät", klagt Angela Broeders, professionelle Koala-Catcherin in Framlingham.

Auf 5000 Tiere schätzt sie die Zahl der Koalas im Wald. "Kaum mehr als eine Geste" seien da die 1000 Beutelbären, die jetzt umgesiedelt würden. Auf die anderen warte nach wie vor "ein grausamer Tod". Außerdem, so fügt sie hinzu, werde das Problem nur "von einem Wald in den nächsten verschoben".

Schon gehen Victorias Wildtiermanagern die Wälder aus. Seit Jahrzehnten siedeln sie Koalas um, wenn diese sich mal wieder das Blattwerk streitig machen. Der Umzug der Tiere in andere Bundesstaaten, etwa in den Norden Australiens, ist nicht möglich, da dort bereits eine andere, kleinere Unterart des Beutelbären heimisch ist.

Viele der Koalas in Australiens Süden gelten zudem als genetisch verarmt und wären deshalb für Populationsgründungen ungeeignet. Sie stammen von nur einer Handvoll Tieren ab, die Ende letzten Jahrhunderts vom Festland nach French Island verfrachtet wurden. Auf der kleinen Insel vor der südaustralischen Küste führen sie seither ein sorgenfreies Leben. Weil sie sich stark vermehrten, wurden rund 13 000 Tiere in den letzten Jahrzehnten zurück aufs Festland exportiert.

Vor radikalen Lösungen schreckt die Regierung indes zurück. Mit dem Versuch, Koalas abzuschießen, haben die Australier schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Anfang 1996 erwogen die Behörden des benachbarten Bundesstaates South Australia, der Koala-Plage auf dem 100 Kilometer südwestlich von Adelaide gelegenen Kangaroo Island durch Flinteneinsatz Herr zu werden. Eine elfköpfige "Koala Task Force" hatte damals empfohlen, 2000 der Tiere auf dem Eiland zu töten.

Prompt hagelte es Protestbriefe. Alternative Tourismus-Firmen in Europa und Nordamerika drohten mit Boykott. Um sich nicht mit Robbenschlächtern und Walkillern auf eine Ebene stellen zu lassen, lenkte die Regierung ein. Seither demonstrieren Australiens Umweltministerien Entschlossenheit, wenn es darum geht, die Kuschelbären vor der Kugel zu bewahren.

Statt dessen setzen die Australier nun auf Geburtenkontrolle. Den Weibchen werden Anti-Baby-Depots implantiert. Auf Kangaroo Island haben Veterinäre in den letzten anderthalb Jahren 2500 Koalas die Ei- oder Samenleiter durchtrennt. Rund 850 der unfruchtbaren Beutelbären wurden aufs nahe Festland verfrachtet.

Kritiker sehen darin eine bizarre Blüte mißverstandenen Tierschutzes. "Die Sterilisation auf Kangaroo Island hat den Steuerzahler bislang 635 000 Dollar gekostet", schimpft der Adelaider Ökologe Hugh Possingham, ehemaliger Leiter der "Koala Task Force". "Hier wird mit Geld, das sinnvoll für den Schutz gefährdeter Arten eingesetzt werden könnte, die Tourismus-Industrie unterstützt", so der Abschußbefürworter.

Diese pragmatische Sicht findet indes wenig Freunde in Australien, einer Nation, die ansonsten nicht davor zurückschreckt, das nationale Wappentier Känguruh zu Hundefutter zu verwursten. Besonders die 1986 gegründete "Australian Koala Foundation" (AKF), eine privat organisierte Koala-Schutztruppe mit rund 20 000 Förderern weltweit, macht Stimmung gegen den Abschuß. "Wir haben nicht zu viele Koalas, wir haben zuwenig Bäume", sagt Deborah Tabart, Vorsitzende der Stiftung.

Tatsächlich ist der Lebensraum der Tiere in den letzten 200 Jahren extrem geschrumpft. Seit Captain James Cook im Jahre 1770 den Fuß auf australischen Boden setzte, haben Waldrodungen, Flurbereinigung und Jagd die Koalas in immer kleinere Rückzugsgebiete verdrängt.

Rund 80 Prozent des für Koalas geeigneten Eukalyptuswaldes sind nach Angaben der AKF inzwischen zerstört. Umsiedlung oder Sterilisation lehnen die Koala-Schützer, gefördert von Sponsoren wie dem Computerhersteller Hewlett-Packard oder der Tourismus-Organisation Guides Australia, ab. Statt dessen schlug der Chefbiologe der Stiftung, Steve Phillips, noch 1996 vor, die gesunden Koalas mit Chlamydien zu infizieren, Bakterien, die Unterleibsentzündungen auslösen und zu Unfruchtbarkeit führen können.

Zwar distanziert sich die AKF-Vorsitzende Tabart heute von dem Vorschlag aus den eigenen Reihen. Umstritten sind jedoch auch die von der Stiftung vorgelegten Zahlen. Nur noch rund 40 000 bis 80 000 Koalas leben demnach auf dem fünften Kontinent.

Das Umweltministerium in Melbourne dagegen schätzt allein die Zahl der Koalas in Victoria derzeit auf 200 000. Zoologe Roger Martin vermutet sogar in einem einzigen Wald nördlich von Melbourne etwa 100 000 der Beutelbären.

"Wir schießen Känguruhs ab - warum nicht auch Koalas?" fragt er. Schon die Aborigines hätten über Jahrtausende den leicht erlegbaren Koala als schmackhafte Beute geschätzt. "Menschen haben den Koala von jeher bejagt", so der Forscher. "Es ist in der derzeitigen Situation nur human, es wieder zu tun."

DER SPIEGEL 32/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

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